Ausgefressen

Bergidylle und Biodiversität

Spa╠łtsommerliche Sonne verfu╠łhrt uns hin und wieder dazu, la╠łngere Fussma╠łrsche auf uns zu nehmen, um zu einem Wirtshaus zu gelangen. Das Gehen heisst dann Wandern, und den Gasthausbesuch nennen wir Einkehren. Je la╠łnger wir spazieren und je steiler die Wege ansteigen, desto mehr beschleicht uns das Gefu╠łhl, den Besuch in einer Gaststa╠łtte richtig verdient zu haben. Der erste Schluck Bier auf einer Alphu╠łtte gilt als ein Genussmoment erster Gu╠łte. Wohlig angespitzt (das ist ein Wiener Wo╠łrtchen fu╠łr einfallende erste Rauschgefu╠łhle), mit Alkohol in der Hand und Speck und Ka╠łse auf dem Brett, betrachten wir Hu╠łttenga╠łste eine Landschaft, die wir als O╠łsterreicherinnen und Schweizer per Definition scho╠łn zu finden haben.

Scho╠łn sind die kahlen, menschenfeindlichen Riesenfelsen namens Berge. Scho╠łn sind die Ma╠łrklinlandschaften mit einst bettelarmen Bergbauerndo╠łrfern. Scho╠łn sind die rapide schmelzenden Gletscher, und manchmal ist sogar die Alpwiese scho╠łn, durch die wir frohen Mutes zur Hu╠łtte gewandert sind.

Ku╠łrzlich erza╠łhlte mir ein sehr enger Freund, dass bewirtschaftete Alpen der beste Kohlendioxidspeicher Mitteleuropas seien. Der Mann heisst Franz Essl, ist Professor fu╠łr Biologie an der Universita╠łt Wien und Biodiversita╠łts-Oberexperte. Er informierte mich daru╠łber, dass nicht die Pflanzen das Klimaheizgas CO2 aus der Atmospha╠łre wegspeichern, sondern dass das der Boden darunter tut. Ein sehr tiefer Humusboden nimmt naturgema╠łss viel mehr Klimaemissionen auf als ein seichter. Bis zu zwei Meter┬ánach unten reichende fruchtbare Schichten erfordern aber Biodiversita╠łt, also Millionen verschiedener Tier- und Pflanzenarten, die gemeinsam den Boden fruchtbar und gesund machen. Auf einer artenreichen und bewirtschafteten Alpwiese sorgen grasende und kackende Rinder zusammen mit allerhand Wu╠łrmern, Insekten und Bakterien fu╠łr den Aufbau allerbesten Bodens. Liegt die Wiese brach, verlatscht sie, und die einwachsenden Kieferarten verdra╠łngen die Biodiversita╠łt und verringern die Speicherkapazita╠łten massiv.

Der feine, fette Ka╠łse auf der Alp ist, sofern er dort oben produziert wurde, also auch ein kleiner Beitrag zur nachhaltigen Transformation. Und wenn dann auch noch Spitzenko╠łchinnen oder Spitzenko╠łche wie der blutjunge Wahnsinnschef Julian Stieger im Arlberggebiet u╠łber die Alpwiesen und durch die Alpwa╠łlder hirschen, um ebendort die Grundprodukte fu╠łr ihre fantastischen Kreationen zu sammeln, dann fu╠łhlt sich dieser Schluck Bier in den Bergen richtig gut an.

Martin Hablesreiter

Fooddesigner
Ausgabe: Salz & Pfeffer 4/2023 / Datum: 29.08.2023


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