Sie lassen es schon wieder richtig krachen. Das Restaurant De Matos ist mit einem Stern und 16 Punkten ausgezeichnet. Was treibt Sie an?
Oscar de Matos: Das Kochen. Meine Lehrzeit im El Bulli, die zwar schon einige Zeit her ist und unglaublich hart war, ist sicher eine wichtige Station gewesen. Dort hiess es, damit man kochen kann, muss man fremde Kulturen kennenlernen, fremde Länder besuchen und neue Menschen treffen. Dieses Motto habe ich bereits nach der Lehre verfolgt und bin aus Spanien ausgeflogen. Dabei hat mich der El-Bulli-Sommelier unterstützt, meine Bewerbung hat er nach ganz Europa verschickt. Mir war einfach nur wichtig, dass ich auf dieser Seite des Mittelmeers blieb. Die Ersten, die mich anstellen wollten, waren dann Glarner.
War die Innerschweiz für Sie ein Schock?
Oh ja, weil ich von der kreativen Utopie in die harte Realität der hohen Mieten, strengen Gesetze und der Pünktlichkeit kam. Der Schock hatte aber rein gar nichts mit den netten Innerschweizern zu tun. Sondern vielmehr damit, dass es keine Autos und nur Kühe gab. Ich merkte erst bei der Ankunft im Dorf, dass meine Stelle im Skigebiet auf 2500 Metern über Meer lag. Dort oben drehte ich Bratwürste auf dem Grill, mein damaliger Chef – der übrigens Herr Schweizer hiess – riet mir, dass ich die tagsüber gelernten Wörter aufschreiben und abends büffeln soll. Das habe ich gemacht.
Gratulation, Ihr Deutsch ist formidabel. Heute sagen Sie sogar von sich, dass Sie Luzerner sind.
Ich finde, das darf man nach 20 Jahren sagen.
Wie verlief Ihre Laufbahn bis zum ersten eigenen Restaurant?
Was mich geprägt hat, ist die Schweizer Küche. Ich hatte ja noch nie zuvor ein Fondue gegessen, das war ein Erlebnis. Die Rösti kam mir wegen der Kartoffeln wie eine spanische Tortilla vor, einfach ohne Eier. Nach der Glarner Anstellung arbeitete ich in einem Hotel in Weggis, dann in einer Pizzeria in Bern, im Hotel Montana in Luzern sowie bei Werner Tobler. Für mehr Action ging ich in die Brauerei Stadtkeller, und schliesslich landete ich im Schweizerhof in Luzern.
Wann entschieden Sie sich für die Selbstständigkeit?
Das war bei einem Besuch daheim in Spanien. Meine Kollegen, die mit mir im El Bulli gelernt hatten, waren alle schon erfolgreich und mit Michelin-Sternen dekoriert. Sie motivierten mich: Mach dein Ding, geh deinen Weg! Was ja in der Schweiz nicht so einfach war wie in Spanien, man braucht viel mehr Geld. Die Kollegen antworteten: Dann mach einfach mit wenig Geld etwas ganz Grosses! Ich war damals schon mit Nadine zusammen, und wir konnten das Restaurant Maihöfli hier in Luzern mit wenig Budget übernehmen.
Wenn wir vom Ende reden: Ihre Pacht des Restaurants Maihöfli in Luzern wurde etwas unromantisch beendet.
Ah, da existieren verschiedene Visionen.
Versionen meinen Sie?
Nein, ich meine Visionen. Wir haben uns dort von Anfang an sehr ins Zeug gelegt. Bis zu 15 Stunden waren wir bei der Arbeit. Zuerst lief es nicht gut. Damals suchte ich Rat bei Ferran Adrià. Er sagte: Es dauert bestimmt fünf Jahre, bis ein Koch seinen Stil findet. Du musst weitermachen. So machte ich weiter, und der Erfolg kam. Als Renovationen am Haus und an der Küche fällig wurden, gab es unterschiedliche Vorstellungen von uns und vom Hausbesitzer. Verschiedene Visionen über Wachstum, Kontrolle und wie sich ein Projekt entwickeln soll. Ich sagte mir: Lieber verliere ich diesen Kampf, als dass ich die Lust am Kochen verliere.
Wie schwer ist das Verlieren?
Es war wahrscheinlich die schwierigste Entscheidung meines beruflichen Lebens. Gerade weil alles gut lief. Aber wenn etwas nach aussen funktioniert, aber innen nicht mehr stimmt, muss man hinhören. Ich wollte nicht in einer Vision von Erfolg stecken bleiben, die sich nicht mehr nach mir angefühlt hat.
Das Maihöfli wurde ganz gross. 2022 erhielten Sie 16 Punkte, einen Michelin-Stern und wurden von Gault&Millau als Aufsteiger des Jahres ausgezeichnet.
Das war wild. Ich musste die Nachricht eine ganze Woche lang verdauen. In dieser Zeit verweigerte ich sogar Interviews, ich konnte es schlicht nicht fassen und auch nicht darüber reden.
Kann man sich denn je an solche Auszeichnungen gewöhnen?
Nein, auch wenn ich betonen will, ich koche ja nicht primär für die Preise. Der Reiz, Koch des Jahres zu werden, ist natürlich da. Die Zeit dafür muss reifen. Ich sage immer, Träume müssen reifen, Träume müssen fermentieren. Wie auch wir als Menschen fermentieren.