Wobei stören wir Sie gerade?
Pierre-Pascal Clément: Beim Aufgleisen von zwei riesigen Firmenevents. Also nicht wegen der Anzahl Gäste riesig, sondern weil es wichtige Gäste aus bekannten Fribourger Firmen sind. Wir können uns kein Eventmanagement leisten und setzen uns deshalb nach Feierabend ins Büro. Mein Geschäftspartner Dany Ferreira ist gut darin, ich nicht.
Worin sind Sie denn gut?
Ich bringe bekannte Dinge auf unerwartete Weise auf dem Teller zusammen. Und ich behaupte, dass die Balance auf dem Teller eine meiner Stärken ist. Ich bin auch ein guter, ruhiger und respektvoller Leader.
Sie kamen 2018 von Berlin nach Fribourg zurück. Allerdings noch nicht in Ihr heutiges Au Chasseur.
Genau, ich arbeitete im Sternerestaurant Le Pérolles, Pierrot Ayer stand vor der Pensionierung und wollte mit seinem Sohn Julien ein neues Restaurant am selben Ort eröffnen. Dafür suchten sie einen Küchenchef, der dann mit Julien Ayer das Lokal übernehmen würde. Sie sind sogar nach Berlin geflogen, um mich zu überzeugen. Natürlich war ich dabei. Drei Jahre führte ich die zehnköpfige Brigade, schrieb die Menüs und arbeitete auf Augenhöhe mit Pierrot, was wegen des Altersunterschieds manchmal schwierig war. Die Gault-Millau-Punkte kamen, auch der Michelin-Stern, doch den unterbreiteten Vertrag für die Übernahme habe ich nicht unterschrieben.
Weil Sie im Schatten der Familie Ayer gestanden hätten?
Ja und nein, ich genoss viele Freiheiten. Aber ich hatte die Konditionen besser erwartet. Wenn man auf eine Teilhaberschaft hinarbeitet, arbeitet man ja viel zu viel. In dieser Zeit habe ich in der Küche herumgeschrien. Die Leute im Team waren mir nicht wichtig, Hauptsache, sie waren früh da und gingen spät heim. Es ist übel, ich weiss. Mich kümmerte damals nicht, was andere von mir dachten. Als zum Beispiel ein Koch kündigte, wusste ich nicht einmal, ob er gut gekocht hat. Ich bin nicht stolz darauf, im Gegenteil.
Was hat Sie geläutert?
Ich habe schnell gespürt, dass ich weit weg war vom Team, dass ich alle schlecht behandelte. Danach habe ich an mir gearbeitet, heute mache ich Atemübungen, baue ruhige Momente in meinen Alltag ein, geniesse Rituale wie Meditieren und Teetrinken. Das hat mir geholfen – es klingt blöd –, mich wieder zu mögen. Doch mir war klar geworden, dass ich gehen muss.
Wie ging es weiter?
Das Maison Manesse in Zürich hat mich gerettet. Nach dem Vorstellungsgespräch fing ich am gleichen Abend dort an zu arbeiten. Alles war klein, die Küche, das Team. Und alles war uralt, ausser das Team. Wir arbeiteten ehrlich, kreativ, frei – und im T-Shirt. Ein schriftliches Menü gab es nicht, wir kochten, worauf wir Lust hatten. Es war das erste Mal, dass ich nicht mit Langusten und Heilbutt arbeiten musste. Ich habe mich sofort in die Schweizer Produkte verliebt. Obwohl ich zuunterst startete und wieder putzte, war ich voller Energie und einfach im Flow.
Aber dann schloss das Maison Manesse.
Im Haus war eigentlich alles kaputt, die Lüftung steuerte auf ihr Lebensende zu, und der Mietvertrag lief aus. Wir alle wussten immer von diesem bevorstehenden Ende. Die Küchenchefs hatten keine Lust mehr, schliesslich waren sie schon zehn Jahre dort. Und auch ich sah meine Zukunft andernorts.
Ausgerechnet wieder in Fribourg.
Ich hatte mehrere Optionen nach dem Maison Manesse. Es gab ein Angebot aus einem Fünf-Sterne-Hotel in Zürich. Gleichzeitig hatte ich Kontakt mit meinem Kumpel Dany. Mit der Zeit kristallisierte sich immer mehr heraus, dass ich mein eigenes Restaurant haben möchte. Ich wollte etwas von Anfang an kreieren.
Woher kommt der Name Au Chasseur?
Dieser Name darf nicht geändert werden, schliesslich ist es die älteste Auberge von Fribourg. Früher war sie für Fondue und Rösti bekannt. Danach wurden darin 500 Burger pro Tag gebraten. Und anschliessend hat ein Paar ohne Kochkenntnisse veganes Essen angeboten.
Ihr Lokal hat zwei Bereiche: ein Devant und ein Derrière.
Dany kommt aus der Bar-Welt und ich bin aus dem Fine Dining, wir wollten unbedingt zwei Konzepte. Wir beide mögen Brasserien, Fried Chicken und Ragout. Keiner wollte nur auf Fine Dining fokussieren. Als wir das Lokal besichtigt haben, war klar: Für unser Konzept ist es schlicht perfekt. Vorne eine Bar, hinten ein Restaurant.
Zwei gelungene Welten. Wie baut man so etwas?
Wir haben mit vielen Kumpels gearbeitet. Für den Innenausbau war Charly Joillet zuständig, er sah sofort, was wir hier brauchten. In der Bar Edelstahl und Neon, hinten nordisch-japanisch mit hellem Holz. Alles im Lokal ist massgeschneidert, wir waren während drei Monaten täglich 15 Stunden mit dem Bauen beschäftigt. Ich habe zehn Versionen der Küche gezeichnet. Wir machten vieles selbst und konnten so einiges an Geld sparen. Und weil wir viele Handwerker kennen, haben wir einen Teil der Arbeiten mit Essen abgeglichen, ein klassisches Gegengeschäft.