05.10.2026 Salz&Pfeffer 3/26

Jede Lage zählt

Text: Karin Hänzi – Fotos: Florian Spring
Nah am Wasser, hoch über dem See oder am Waldrand: Die Reben von Clos Vert wachsen an verschiedensten Orten. Geschmacksnuancen, die Helena Hebing und Noel Urwyler unter anderem mithilfe des Mondkalenders in die Flasche transportieren. Ein Vormittag am Bielersee.
Weinbau mit Seesicht: Helena Hebing, Noel Urwyler und Thomas Wehrlin (v.l.n.r.) in einer ihrer 15 Parzellen.
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Wir erwischen das Weingut Clos Vert in einem hitzigen Moment, wortwörtlich und im übertragenen Sinn. Wortwörtlich, weil es zu diesem Zeitpunkt seit Wochen heiss und trocken ist, am Bielersee noch trockener als anderswo, mit spürbaren Auswirkungen auf die Arbeit im Rebberg. «Pflanzenschutzmittel mussten wir viel weniger ausbringen als in anderen Jahren. Die Trockenheit reduziert Pilzkrankheiten, es gibt also durchaus Vorteile», sagt Noel Urwyler, der das Weingut zusammen mit Helena Hebing und Thomas Wehrlin führt. Die Kehrseite allerdings werfe viele Fragen auf: «Bis anhin brachten unsere Zwischenbegrünungen eine rege Biodiversität mit sich. Schaue ich jetzt in die Reben, ist es einfach braun, folglich hat es null Insekten.»

Sorgen bereitet ihm auch der hohe Bewässerungsbedarf. «Natürlich könnten wir uns dafür einrichten, mehr Leitungen legen beispielsweise, um im nächsten solchen Sommer vermehrt Wasser aus dem See zu pumpen. Bloss zeigt sich da gleich die nächste Herausforderung: Wasser ist keine unendliche Ressource. Es ist darum auch hier ein stetes Abwägen.» Dass der Hitzesommer 2026 die Zukunft ist, steht für Urwyler ausser Frage, «die Forschungslage ist eindeutig». Er hofft darum, dass die Dringlichkeit endlich im allgemeinen Bewusstsein ankommt, die Politik Verantwortung übernimmt und vermehrt Gelder spricht statt welche streicht. «Die geopolitische Lage ist angespannt, keine Frage. Trotzdem braucht es Lösungen, wir müssen uns neu orientieren, an die veränderten klimatischen Bedingungen adaptieren. Dafür braucht es ein offenes Denken und uns alle.»

Innovation statt Protektionismus
Ähnlich verhält es sich für Urwyler mit der aktuellen Importkontroverse. Künftig sollen günstige Importkonditionen nur noch für jene Importeure gelten, die auch Schweizer Trauben kaufen und keltern. Eine Regelung, die es schon einmal gab und die als Förderung von Schweizer Weinen verkauft wird, in der Branche jedoch auf regen Widerstand stösst. «Wir wären mit unserem kleinen Betrieb davon ausgenommen, trotzdem haben wir natürlich eine Meinung dazu», sagt Noel Urwyler und lacht. «Wir sind überzeugte Verfechter von Qualität und genauso überzeugt davon, dass die neue Handhabung diesbezüglich nicht förderlich wäre, im Gegenteil.» Zielführender fände er, das eigene Schaffen zu hinterfragen und, wo nötig, Anpassungen vorzunehmen.

Severin Aegerter, Inhaber der Weinhandlung Cultivino und Vertriebspartner von Clos Vert, nickt zustimmend. «Protektionismus war noch nie ein probates Mittel. Lieber sollten wir die Landwirtschaft darin unterstützen, sich zu reflektieren und zu entwickeln, und ihre Innovationsfähigkeit fördern.» Als Vergleich zieht er Cultivino-Partner aus dem Ausland heran: «Viele von ihnen besinnen sich auf Mischkulturen, was ökologisch und wirtschaftlich gleichermassen fantastisch ist. Aber: Nichts davon passiert über wirtschaftlichen Druck. Die Treiber sind Innovation und Bewusstsein.» Das zeige: «Wer etwas Einzigartiges macht, hat keine Absatzprobleme. Schwierig wird es dort, wo austauschbar und industriell gearbeitet wird.»

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Sorgfältige Lagenforschung
Um Clos Vert also macht sich Aegerter keine Sorgen. «Wir sind idealistisch, unerschrocken und geduldig», liest, wer ihre Webseite öffnet, und dass alles davon wahr ist, wird im Gespräch rasch deutlich. Helena Hebing, Noel Urwyler und Thomas Wehrlin arbeiten überaus bedacht und sorgfältig, fast ausschliesslich von Hand, immer nah am jeweiligen Terroir und seinen Besonderheiten. Hebing und Urwyler übernehmen dabei die Arbeit in den Reben und im Keller, Wehrlin ist der Mann fürs Strategische und gleichzeitig Hebings Partner. «Er bespricht mit uns die grossen Linien und die Entwicklung unserer Weine. Zudem unterstützt er uns im Verkauf und bei der Ernte, versorgt uns mit Argumenten – er ist Anwalt und ein entsprechend begnadeter Verhandler – und macht andere Perspektiven nachvollziehbar.» Ein teaminterner Aussenblick, wie Hebing und Urwyler es nennen.

Während Wehrlin seinen Fokus aufs grosse Ganze richtet, zoomen sie in ihrer Arbeit möglichst nah heran. «Wir haben insgesamt 15 Parzellen. Jede Lage hat ein anderes Mikroklima, andere Böden, andere Gegebenheiten. Diese Nuancen sollen in unseren Weinen lebendig werden, weshalb wir Einzellagen separat vinifizieren, selbst wenn wir den Wein noch nicht so verkaufen», erklären die beiden den Kern ihres Weinschaffens. Die Varianten sind dabei zahlreich: Von flach bis steil und hoch bis tief ist auf den 3,3 Hektaren zwischen Biel und La Neuveville alles dabei, was die Weinregion zu bieten hat. Ausgebaut wird schonend und interventionsarm, vergoren spontan und ohne Zuchthefe, abgefüllt unfiltriert. Daneben verschreibt sich Clos Vert einem klassischen Ansatz: «Wir mögen saubere Weine», so Hebing und Urwyler. Rund die Hälfte entfällt auf Pinot noir, ein Drittel auf Chasselas, die restlichen Lagen sind gemischt, Chardonnay wiederum ist frisch gepflanzt und gewissermassen das Baby des Weingutes.

Nah an der Rebe, nah am Wein
Dass Hebing und Urwyler meist zu zweit in den Reben und im Weinkeller unterwegs sind, hat Konzept und war auf der Suche nach einem gemeinsamen Weingut eine der Bedingungen: «Uns ist wichtig, dass wir die Parzellen allein bewirtschaften können, ausser selbstverständlich an Erntetagen. Diese Nähe zu den Weinen und den Pflanzen und der enge Austausch untereinander sind neben natürlichen Hilfsmitteln wie Tees, Auszügen, Fermenten und ätherischen Ölen das Fundament unseres biodynamischen Ansatzes.» Wie es den Reben, den Trauben und den Weinen geht, gibt die Richtung vor und wird jeden Tag angeschaut. «Da machen wir uns ganz ungeniert unsere Selbstständigkeit zunutze und vertrauen auf unser Gespür und unsere Beobachtungsgabe, statt einem strikten Plan zu folgen.»

Der einzige Kalender, von dem sich Helena Hebing und Noel Urwyler etwas vorgeben lassen, ist der Mondkalender. Ganz gleich, was sie mit dem Wein vorhaben, in ein anderes Fass umziehen oder abfüllen etwa, immer konsultieren sie vorab den Mondkalender und wählen den Zeitpunkt entsprechend. «Das ist kein grosser Aufwand, hat aber eine spürbare Wirkung. Dass unsere Reben in einem ausgeglichenen Milieu wachsen und wir im Keller zyklisch arbeiten, zeigt sich in jeder Flasche», sind die beiden überzeugt.

Biodynamisch seit der Ausbildung
Einen anderen Weinweg als den biodynamischen sind sie nie gegangen, sowohl Hebing als auch Urwyler haben ihr Handwerk nach den entsprechenden Grundsätzen erlernt und sehen darin die einzige Art, Wein zu machen. Angefangen hat ihre Geschichte nur ein paar Kilometer seeaufwärts von dort, wo ihre heutige Basis liegt. Beim gleichen Weingut angestellt, Hebing als Önologin, Urwyler als Lernender auf dem Weg zum Bio-Winzer, erkennen sie sich in ihren Weinphilosophien so sehr, dass sie schon damals über eine gemeinsame Weinzukunft witzeln. Heute davon leben zu können sei ein wahnsinniges Privileg. «Unsere Arbeit ist körperlich sehr streng, an Tagen wie diesen ganz besonders, und zuweilen absurd zeitaufwendig, aber seien wir ehrlich: Wir arbeiten im Paradies. Also tragen wir ihm Sorge.»

Clos Vert live

An der Bieler Weinmesse Vinifera gehört der Montag vor der Hauptmesse ganz den Bielersee-Weinen. Wer sich vor allem für lokal hergestellte Weine interessiert, notiert sich darum den 19. Oktober 2026 (17 bis 21 Uhr, vinfera.ch, bielerseewein.ch). Vom 5. Bis 7. November 2026 dann präsentiert Helena Hebing die Clos-Vert-Weine erstmals an der «Divines!», der Schweizer Messe für Winzerinnen (divines.ch).

Clos Vert
Neuenburgstrasse 90
2505 Biel/Bienne
031 301 25 25
closvert.ch