Sie haben mit 30 Jahren bereits vier Lokale miteröffnet. Wie kam das?
Aurélien Mettler: Eher zufällig, aber Eröffnungen sind spannend, immer arbeitsintensiv. Hier im Fiescherblick bin ich seit dem Winter 22/23. Nach der Renovation starteten wir zu dritt in der Küche, im ersten Winter kochten wir À-la-carte-Gerichte für täglich rund 50 Gäste. Das hat sich geändert: Heute schicken wir noch 35 Degustationsmenüs. Glücklicherweise wollten auch meine Chefs Matthias und Lars Michel in Richtung Fine Dining gehen.
Prägend für Ihre Berufswahl waren Ihre Sommerferien in Frankreich. Nehmen Sie uns mit!
Gutes Essen war in unserer Familie immer wichtig. Es ging aber nie nur ums Essen, sondern darum, wie, wo und mit wem man speist. In Frankreich sind die Leute viel spontaner und kommen einfach vorbei – das war prägend für mich. Beim Essen war Improvisation gefragt. Meine Grosseltern wohnten auf dem Land in der Nähe von Bordeaux, mit eigenem Garten; mein Grossvater züchtete Austern. Ich verbrachte alle meine Sommerferien dort. Den ganzen Tag ging es nur ums Essen: Morgens wurde schon beim Frühstück diskutiert, was wir am Mittag essen würden. Danach ging es auf den Markt. Das Mittagessen konnte sich bis 16 Uhr in die Länge ziehen. Und sogar zum Salat gab es Wein.
Das klingt nach grossartigen Ferien mit fantastischem Essen.
Die Qualität des Essens war einfach unkompliziert – aber ich habe nichts anderes gekannt und war überzeugt, dass meine Grossmutter die beste Köchin der Welt ist. Beide Grossmütter und meine Mutter waren schon im Fiescherblick und sind in meine Welt eingetaucht.
Wie lange hat es gedauert, bis Sie Ihren Kochstil gefunden haben?
Ich habe ihn noch nicht zu 100 Prozent gefunden. Der Kochstil hat viel mit der Gegend zu tun, in der man arbeitet. Man muss fünf, sechs Saisons bleiben, um eine Region zu verstehen. Grindelwald ist ein Bergdorf, in dem die ganze Welt zu Gast ist, das aber ringsherum aus Bauernfamilien besteht. Sie dachten zuerst, dass von allen Produkten immer alles so viel und so schnell wie möglich in der Küche sein soll. Bis sie merkten, dass sie bei mir den Takt vorgeben können.
Machen Sie ein Beispiel.
Wenn der Bauer Rolf Bohren mir nur ein einziges Kalb pro Sommer verkauft und es erst nach acht Wochen bringt, akzeptiere ich das. Rolf lagert die Stücke vom Kalb direkt bei sich, um uns die Arbeit zu erleichtern. Er weiss genau, wann der richtige Moment für die Lieferung ist.
Wo finden Sie Grindelwalder Naturschätze?
Im Wald natürlich. Blaubeeren wachsen normalerweise an sonnigen Plätzen, in diesem Sommer eher im Schatten. Die wilden Blaubeeren sind dankbar: Es gibt viele, sie sind robust und lassen sich einige Tage lagern. Die Sammelorte verrate ich nicht, aber man muss einfach die Wanderwege verlassen.
Aus den wilden Beeren produzieren Sie eine Ihrer Friandises. Pro Service brauchen Sie 350 Gramm. Diese Sammelei braucht Zeit. Haben Sie diese denn?
Es ist eine Illusion, dass eine normal funktionierende Küchenbrigade das schafft. Die Beeren sind heuer wegen der Trockenheit sehr klein, deshalb dauerte die Suche grundsätzlich länger. Kürzlich mussten wir zugeben: Es geht einfach nicht. Am gleichen Tag besuchte uns der Nachbar unseres Chefs – Christian ist in Rente – und bot uns kiloweise Blaubeeren an. Wir haben ihn sofort engagiert.
Die Arbeit geht Ihnen ja auch so wohl nicht aus.
Im Gegenteil: Wir bewirtschaften hinter dem Haus ein Hochbeet und daheim einen Garten. Von dort kommen übrigens die Korn- und Ringelblumen, die wir sonst teuer einkaufen müssten. Seit letztem Winter servieren wir auf den Gerichten keine Blumen mehr, weil ein Blumenteller bei Schnee komisch wirkt. Aber: Eine Küche ohne Kräuter funktioniert nicht.
Sie haben ein weiteres Credo: Meeresfrüchte haben im Bergdorf-Menü nichts zu suchen. Gibt es also keinen Fisch?
Wir arbeiten mit Schweizer Zuchten, von denen ich vier bis fünf Fische probiere, wenn wir ein neues Gericht aufs Menü setzen. Die Fische kann man nicht entgrätet kaufen, weshalb die Küche mehr zu tun hat. Ausserdem haben einige Zuchten extreme Qualitätsschwankungen. Sehr zufrieden bin ich mit dem Alpenzander, nun aber bin ich auf der Suche nach Lachsforellen. Ob die aus Rubigen oder aus der Romandie kommen, ist mir egal. Hauptsache, sie stammen aus der Schweiz.