Ausgefressen

Die eigentliche Energiekrise

Essen ist pure Energie. Jede verwertbare Zelle auf dem Teller verwandelt unser Ko╠łrper in allta╠łglich notwendige oder langfristig verwertbare Energie. Vor dem Sport oder zum Fru╠łhstu╠łck ist das ziemlich praktisch. Eingelagerte, eingefettete Energie am Schwimmreifen mo╠łgen wir nicht so.

Unser Ko╠łrper verbrennt sta╠łndig Kalorien zum U╠łberleben. Diese Energie stammt fast ausschliesslich von tierischen und pflanzlichen Organismen. Doch eine ┬źunsichtbare Hand┬╗ hinter diesen scheinbar unschuldigen energiereichen Zellen verbrennt fossile Energie. Ukrainische Kohlenflo╠łze, saudische O╠łl- und russische Gasfelder liefern massiv Energie fu╠łr die Produktion menschlicher Nahrung. Gegenwa╠łrtig beinhaltet jede Kalorie auf dem Teller etwa drei Kalorien aus verheizten fossilen Kohlenstoffen. Das kann die verschwenderische Herstellung von Du╠łngemitteln oder Pestiziden, der Betrieb unza╠łhliger Maschinen in der landwirtschaftlichen und weiterverarbeitenden Produktion oder der globale Transportwahnsinn mit Lebensmitteln sein.

In Europa tobt ein ekelhafter Krieg. Gelangweilte, alte, weisse Ma╠łnner schicken Tod und Teufel zu den leidenden Bewohnerinnen und Bewohnern fruchtbarsten Lands. Doch damit nicht genug. Die Kriegshunde drohen mit Hunger und Ka╠łlte.

Der Ausfall von Getreideimporten aus den kriegfu╠łhrenden La╠łndern wird das alte, reiche Europa weniger hart treffen als ohnehin hungernde Menschen in geplu╠łnderten und ausgebluteten┬áRegionen. In der wohlhabendsten Region dieser Welt malen politische Entscheidungstra╠łger und -tra╠łgerinnen eine Energiekrise an die Wand. Uns Europa╠łerinnen und Europa╠łern wird der kalte Winter angedroht.

Merkwu╠łrdigerweise fehlt bei den vielen apokalyptischen Visionen dieser Tage der Verweis auf Verschwendung. Europa entwertet und verschwendet Nahrung auf beispiellose Weise. Damit vernichten wir auch jene Energie, die knapp zu werden droht und in Anbetracht des Klimawandels ohnehin eingespart werden sollte. Je nach Region werden bis zu 65 Prozent aller produzierten Lebensmittel weggeschmissen. Oft ist das unbedacht und passiert, aber es ist auch ein Eckpfeiler westlicher Kultur, verschwenderisch zu leben. Viele vorzu╠łgliche Fleischteile oder essbare Pflanzen gelten als wertlos, ha╠łsslich oder ekelhaft und verrotten bereits auf dem Feld oder hinter dem Schlachtbetrieb. Das ist die Energiekrise.

Es liegt nicht zuletzt auch an der Gastronomie und der Lebensmittelproduktion, die Energieverschwendung zu reduzieren. Das ist nicht nur wirksam, sondern auch deutlich schmackhafter als eine kalte Wohnung.

Martin Hablesreiter

Fooddesigner
Ausgabe: Salz & Pfeffer 4/2022 / Datum: 29.08.2022


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