Ausgefressen

Kulinarische Schützengräben


Ich mag Märchen. Eine von mir sehr geschätzte Geschichte lautet wie folgt: Weihnachten ist ein Fest des Friedens. Alle Familienmitglieder sitzen glücklich und zufrieden rund um einen Tisch und geniessen gemeinsam ein Festmahl. Das Essen schmeckt ganz ausgezeichnet, und die Tischgemeinschaft lobt einstimmig die Kochkünste der Gastgeberin oder des Gastronomen.

So soll es sein. Es ist ohnehin höchste Zeit, die alles entscheidende Frage zu stellen: Was gibt es dieses Jahr zu essen?

Schon ist mit dem Frieden auch wieder Schluss. Wie jedes Jahr, bestehen die einen darauf, dass es gibt, was es jedes Jahr gibt. Bei der Auswahl des Weihnachtsmenüs macht sich in ganz Europa die Wiener Portierlogenmentalität breit: «Können wir nicht! Haben wir nicht! Haben wir noch nie gemacht!» Konservativere Zeitgenossinnen und -genossen kramen vor Weihnachten jede noch so lächerliche essbare Familientradition hinter dem Ofen hervor und verweisen bei jeder möglichen Gelegenheit auf das Andenken der leider verstorbenen Grossmutter oder des allseits geliebten ebenso toten Seniorchefs und Firmengründers, um nur ja nicht nur den kleinsten Wunsch der anderen Familienmitglieder oder Kollegen und Kolleginnen akzeptieren zu müssen. Schon Wochen vor dem angeblich so friedlichen Weihnachtsfest werden kulinarische Schützengräben ausgehoben, wird die fette Gänseartillerie oder die Karpfenkavallerie in Stellung gebracht, um potenzielle Gegnerinnen oder Gegner beim Anzeichen kleinsten Widerstands in Tischgemeinschaftsstaub zu verwandeln.

Immerhin muss die moralische Oberhoheit bei Tisch behauptet werden. Ein geschmackvoller, kulinarischer Stammbaum kann Macht bei Tisch verschaffen, denn wer sich bei Zutaten und Rezepturen durchsetzt, ist am Ende Herr respektive Herrin des Tischgesprächs. Das kann man(n) nicht einfach so abgeben. Dummerweise kämpfen seit ein paar Jahren allerhand radikale Food- Revolutionärinnen gegen die Traditionalisten an. Schnell kann der liebevollst zubereitete Braten zum Ausdruck eines klima- feindlichen, patriarchalischen, imperialistischen – also verdammenswerten – Lebensstils werden. Auch kein Friede. Zuerst kommt die Moral, dann das Fressen.

Mein Schlusswort mal ganz andersrum: Hausfrauen und -männer, Köchinnen und Gastronomen sind allermeistens wunderbare Menschen. Sie können uns verzücken. Das ist doch was! Also könnten wir Gäste zu Weihnachten viel Moral der Gastfreundschaft unterordnen und diesen Leuten einfach einmal dankbar sein – und essen, was aus der Küche kommt. (Das ist jetzt auch sehr moralisch.)

Martin Hablesreiter

Fooddesigner, Wien
Ausgabe: Salz & Pfeffer 6/2022 / Datum: 15.11.2022


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