Ausgefressen

Trauerspiel im Morgengrauen

Fremde Betten sind fantastisch. Ich liebe es, in Hotels zu schlafen. Das ist fast so schön, wie in Restaurants zu essen. Manchmal geht das sogar in Kombination und ich gebe zu, dass ich vergangenen Sommer viel nachholen musste, was ich wÀhrend der Lockdowns versÀumt hatte. Es war grossartig. Gastlichkeit ist eine der schönsten Erfindungen der Menschheit.

Leider bieten viele Herbergsbetriebe auch eine der ungastlichsten Erfindungen überhaupt an: Jeden Tag gleich in der Früh kommt das ultimative gastronomische Trauerspiel. Es ist zum Heulen, doch das Frühstück, diese gastronomische Urlust, wird als DrĂ€ngelei, als Rennerei, als abgestandenes Mittelmass missverstanden. Es gĂ€be nichts Schöneres, als den Anbruch des Tages mit frisch zubereitetem, gutem, vielleicht sogar lokalem Essen und sorgfĂ€ltig gemachtem Kaffee zu beginnen. Stattdessen wartet das Buffet. Abgestandenes, grünliches Rührei, Schinken mit verhĂ€rteten RĂ€ndern, aufgeblĂ€htes IndustriegebĂ€ck und so weiter. Das Angebot wird stĂ€ndig von Mitesserinnen schön unappetitlich durchgeackert. Und zur Krönung warten Kaffeeautomaten.

Hin- und hergeschoben zwischen anderen überforderten und gierigen GĂ€sten wird das Frühstück zur Folter. Wie oft rennen die Mitglieder der Tafelgemeinschaft zwischen Tisch und Buffet hin und her, um Vergessenes nachzuholen? An GesprĂ€che ist ebenso wenig zu denken wie an AtmosphĂ€re oder Genuss. Wie oft versuchte ich schon, einen Espresso zu bestellen? Im besten Fall wurde ich auf Mehrkosten verwiesen. Meine Güte!

Ein Frühstücksbuffet ist nur frustrierend. Mehr noch: Es ist die Ausgeburt der Verschwendung. Buffets suggerieren den Luxus absoluter Völlerei. Alles ist zu haben. Totale Verfügbarkeit wertet aber auch radikal ab. Was ich mir permanent und grenzenlos holen kann, darauf muss ich nicht achtgeben. Das Essen kann bedenkenlos stehen gelassen und spĂ€ter in der Küche in die Tonne überführt werden. In Österreich liegt der Food-Waste-Anteil bei Frühstücksbuffets bei bis zu 40 Prozent. Zudem benötigt jeder Gast wĂ€hrend eines Buffet-Frühstücks bis zu vier komplette Gedecke, die abgerĂ€umt und -gewaschen werden müssen, was eine Verschwendung von Essen, Energie, Wasser und Arbeit ist. Ehrlich gerechnet, könnten in vielen HĂ€usern gleich mehrere Kellnerinnen allein übers Einsparpotenzial beim Food Waste eingestellt werden.

Was mich noch mehr Ă€rgert als das Buffet selbst, ist die fadenscheinige ErklĂ€rung vieler Gastronomen, dass Buffets eben gefragt seien. Ich persönlich durfte nie entscheiden, ob ich Automatenbrühwasser einem Kaffee vorziehe. Mich fragte keiner, ob ich drĂ€ngelnd und fluchend die Arbeit des Servierpersonals selbst übernehmen wolle. Mir ist ja durchaus bewusst, dass die Personaldecken dünn und die Kosten ein Thema sind. Aber bitte, liebe Gastronominnen: Verwechselt mangelnde KreativitĂ€t und nicht vorhandenen Willen zur VerĂ€nderung nicht mit dem angeblichen Willen der GĂ€ste. Wir wollen nĂ€mlich QualitĂ€t.

Martin Hablesreiter

Fooddesigner
Ausgabe: Salz & Pfeffer 5/2021 / Datum: 12.10.2021


Was bisher geschah:
BlÀttern Sie durchs Salz & Pfeffer
der Vergangenheit.
zum Archiv





Seite teilen

Bleiben Sie auf dem Laufenden – mit dem kostenlosen Newsletter aus der Salz & Pfeffer-Redaktion.

Salz & Pfeffer cigar gourmesse