Ausgetrunken

Teeblatt statt Blattgold

Die Haltung zum Tee in einem Cafe╠ü oder einem Hotel zeigt sich nicht nur bei der Teekarte, sondern auch in der Zubereitung des Getra╠łnks. Wer einmal erlebt hat, wie ein Barista die Kaffeesorte mit der Milchauswahl abstimmt, wie er die Bohnen mahlt, die Milch aufscha╠łumt und mit einem Thermometer die Temperatur der aufzuscha╠łumenden Milch misst, um dann Latte Art auf den Flat White zu zaubern, dessen Stimmung ko╠łnnte sich ein bisschen eintru╠łben beim Anblick, wie fast kochendes Wasser fu╠łr den gru╠łnen Tee aus der Dampflanze der Siebtra╠łgermaschine direkt auf den Beutel gegossen wird, in dem sich Tee in seinem kleinstmo╠łglichen Blattgrad befindet. In der Teesprache gibt es dafu╠łr die Bezeichnung Dust. Tatsa╠łchlich befinden sich in einem Teebeutel oft Mischungen von bis zu 60 unterschiedlichen Sorten, damit das Ergebnis immer gleich schmeckt.

Dabei ist es keine Raketenwissenschaft, Teefreundinnen und -freunde froh zu machen. Es braucht dafu╠łr lediglich guten Ganzblatttee, einen Wasserkocher mit Temperaturanzeige und eine Stoppuhr. Wer seine Ga╠łste besonders glu╠łcklich machen mo╠łchte, bietet einen zweiten Aufguss an. Erstens freuen sich die Ga╠łste u╠łber dieses Angebot, und zweitens zeigt man ihnen damit, dass ein hochwertiger Tee in der Kanne ist. Menschen, die bisher nicht wussten, dass man guten Tee mehrfach aufbru╠łhen kann, freuen sich sogar doppelt: u╠łber die Qualita╠łt in der Kanne und u╠łber den Erkenntnisgewinn. Und ja, die zweite Kanne ist das Investment des Gastronomen respektive der Gastronomin, aber das Geld ist wohlinvestiert ÔÇô na╠łmlich in die Kundenbindung. Ach ja, und┬ázwei bis drei Infos u╠łber den Tee im Hinterkopf zu haben, schadet auch nicht. Falls jemand fragt.

In den grossen Hotels wird die Teekultur in Form des High Tea zelebriert. Dessen Geschichte geht auf die Zeit um 1840 zuru╠łck und ist schnell erza╠łhlt: Anna, die siebte Duchess of Bedford (sie war Lady of Bedchamber bei Queen Victoria), hatte am Nachmittag oft ein, wie sie es nannte, sinking feeling. Und so gab es im Boudoir ihres Sommersitzes nachmittags zuna╠łchst ein Ka╠łnnchen Tee mit Scones und Sandwiches. Spa╠łter etablierte sie den Afternoon Tea mit Freundinnen. Nicht nur im alten Europa, auch heute sind die Afternoon-Tea-Karten gern lang, die Petit Fours und die Savouries auf den Etageren u╠łppig, es kommt Blattgold ins Spiel, und wenn es richtig gut la╠łuft, wird zu den Scones echte Clotted Cream angeboten. Nun ist es hier mitunter so, dass der Schwerpunkt gar nicht auf dem Tee liegt: vor allem nicht auf dessen Qualita╠łt oder dem Wissen des Personals daru╠łber. In einigen Hotels mit echtem Sinn fu╠łr Tee allerdings ist ein Teamaster im Team, um die zugeho╠łrige Karte zu kuratieren und bei Fragen Auskunft zu geben. In der Realita╠łt kosten solche Fachkra╠łfte natu╠łrlich Geld, und Tee ist im Beutel gu╠łnstiger als in ganzen Bla╠łttern. Aber Ga╠łste, die 50 bis 70 Franken bezahlen, du╠łrfen einen gewissen Standard ja erwarten. Im Zweifel wird dann lieber in besseren Tee investiert ÔÇô und am Blattgold gespart.

Nicole Klauss

Kulinarische Autorin und Gastronomieberaterin, neuetrinkkultur.de
Ausgabe: Salz & Pfeffer 3/2022 / Datum: 14.06.2022


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