«Meine Tür ist offen»

Als neuer Direktor der Sortenorganisation Emmentaler Switzerland ist Urs Schl√ľchter angetreten, die Traditionsmarke einem j√ľngeren Publikum schmackhaft zu machen. Auch in der Gastronomie sieht er noch viel Potenzial.
Interview: Tobias Hüberli ‚Äď Foto: z. V.g.
Veröffentlicht: 15.11.2022 | Aus: Salz & Pfeffer 6/2022

¬ęDie Frage ist, wo und wie die Jungen K√§se konsumieren.¬Ľ

Seit Ende Juni wirken Sie als Direktor der Sortenorganisation Emmentaler Switzerland. Was haben Sie sich vorgenommen?
Urs Schl√ľchter:
Mein Ziel ist es, die schöne Marke Emmentaler AOP, einer der stärksten Brands der Schweiz, einen Schritt weiterzubringen. Wir wollen unser Produkt wieder stärker ans Volk herantragen und dabei insbesondere eine Kundschaft ansteuern, die heute keinen Bezug mehr zu Emmentaler AOP im Speziellen oder zu Käse im Allgemeinen hat.

An wen denken Sie da?
Ich rede von j√ľngeren Konsumentinnen und Konsumenten, die zwischen 20 und 40 Jahre alt sind, den sogenannten Millennials. Das Kundensegment von Emmentaler AOP ist aktuell eher ein √§lteres. Das sagen uns diverse Marktstudien, man sieht es aber auch, wenn man in einem K√§seladen steht und den Kundinnen und Kunden zuschaut.

Dabei ist der Käsekonsum doch insgesamt eher zunehmend.
Das stimmt, aber er verlagert sich vom Hartk√§se in den Halbhart- und Frischk√§sebereich. Auf der anderen Seite steht Emmentaler AOP f√ľr viele Werte, die¬†heute im Trend liegen. Er wird seit √ľber 100 Jahren regional in Dorf- oder Alpk√§sereien handwerklich hergestellt, ist laktosefrei, und auch dem Tierwohl wird grosse Sorge getragen.

Wie wollen Sie die Jungen davon √ľberzeugen, Emmentaler zu konsumieren?
Indem wir herausfinden, wo sich diese Kundengruppe bewegt und an welchen Orten wir sie erreichen k√∂nnen. Emmentaler AOP muss zu den Konsumentinnen und Konsumenten, nicht umgekehrt. Die Frage ist, wo und wie die Jungen K√§se konsumieren. Fr√ľher war er ein fester Bestandteil des Fr√ľhst√ľcks. In der heutigen Arbeitswelt existiert das Fr√ľhst√ľck unter der Woche fast gar nicht mehr. Wir m√ľssen unsere Werte st√§rker kommunizieren, f√ľr den Emmentaler AOP neue Konsumformen finden und zum Beispiel auch in Tankstellenshops oder To-go-Betrieben pr√§sent sein.

Welche Sorte ist bei den Kundinnen und Kunden am populärsten?
Es existieren neun verschiedene Reifegrade, von ganz jungen bis hin zu drei Jahren gereiften Emmentaler. Nach wie vor mit Abstand am besten verkauft sich indes der milde Emmentaler.

Wie schlägt sich Emmentaler Ihrer Ansicht nach in der Gastronomie?
Da ist er sicher pr√§sent, die Frage ist, ob das die Leute auch so wahrnehmen. Es ist eine hohe Kunst, seine Marke in der Gastronomie bis an die Front zu den G√§sten transportieren zu k√∂nnen. Ein gutes Beispiel daf√ľr ist M√∂venpick Ice cream. So etwas w√ľnsche ich mir nat√ľrlich f√ľr den Emmentaler AOP, sehe aber auch, dass es dorthin ein weiter Weg ist.

Mit anderen Worten: Ihr Fokus liegt derzeit auf den Millennials.
Ich habe viele Ideen, kann aber nicht √ľberall etwas anreissen. Zudem sind wir eine Sortenorganisation und m√ľssen neutral auftreten. Ich werde nie ein Kilo Emmentaler AOP verkaufen. Das ist Aufgabe der H√§ndlerinnen und H√§ndler. Aber insbesondere in der Gemeinschaftsgastronomie sehe ich f√ľr uns ein grosses Potenzial. Betriebe wie die SV-Group oder der ZFV spielen von der Kantine bis zum Hotel auf der ganzen Klaviatur. F√ľr innovative Konzepte bieten wir interessierten Betrieben jederzeit Hand, meine T√ľr ist offen.

Ihre Marke ist im Ausland schlechter gesch√ľtzt als andere Schweizer K√§sesorten.
Das ist historisch gewachsen. W√§hrend Wirtschaftskrisen wanderten K√§serinnen und K√§ser immer wieder ins Ausland und nahmen ihr Wissen mit. Tatsache ist, dass Emmentaler auch ausserhalb der Schweiz produziert werden darf. Allerdings k√§mpfen wir daf√ľr, dass auf jedem Emmentaler, der im Ausland produziert wird, das Produktionsland immer in gleicher Schriftgr√∂sse auf der Front der Verpackung angegeben sein muss.

Zwei Drittel des Emmentaler AOP wird exportiert. Wie ist da die Lage?
Unser Hauptabsatzmarkt ist Italien, gefolgt von Deutschland, dem restlichen Europa und den USA. Auch wir sp√ľren die durch die geopolitische Lage verursachte Unsicherheit. Die Menschen sparen, in Deutschland merken wir das extrem. Ein handwerklich gefertigter Emmentaler AOP hat gegen einen industriell gefertigten Emmentaler beispielsweise aus dem Allg√§u preislich keine Chance. Der italienische Markt ist indes erstaunlich stabil. Wir verkaufen dort Stand Ende August mehr als letztes Jahr, wider Erwarten. Ich vermute, dass Lebensmittel in Italien einen h√∂heren Stellenwert haben als in Deutschland.

Zur Person
Urs Schl√ľchter (54) wuchs in Niederb√ľren auf. Seine Eltern f√ľhrten eine Schweinezucht, einen Schweinemastbetrieb sowie eine K√§serei, in der Milch zur Weiterverarbeitung zentrifugiert wurde. Der in der Romandie lebende Ostschweizer bringt viel F√ľhrungserfahrung in der nationalen und internationalen Lebensmittelindustrie mit. Seit Ende Juni ist er Direktor der Sortenorganisation Emmentaler Switzerland.



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