Bullshitgehalt von Studien

¬ęMacht Salziges tats√§chlich durstig?¬Ľ, fragt das Gesundheitsmagazin Puls des Schweizer Fernsehens. Was. F√ľr. Ein. Thema.
Veröffentlicht: 21.09.2017 | Aus: Salz & Pfeffer 6/2017

Suggestivfragen sind das Sicherheitsventil der Journalisten.
Es ist so: Wissenschaftler haben zehn M√§nner ein paar Wochen lang eingeschlossen und identisch gef√ľttert, bei einigen von ihnen aber den Salzgehalt im Futter sukzessive erh√∂ht. Ergebnis: Kurzfristig tranken sie mehr, langfristig aber weniger. L√§ck. Bl√∂d. Da haben also 10 000 Jahre lang Milliarden Menschen die identische falsche Erfahrung gemacht. Dass der Durst von Millionen G√§sten nach zu viel Salzst√§ngeli ein Versehen war. Dass sich die Robinsons der Weltgeschichte auf ihren gottverlassenen Flossen im weiten Ozean nur irrt√ľmlicherweise am Salzwasser zu Tode gesoffen haben. Wo zum Geier bleiben da die Sondersendungen mit Expertenrunden, mit Einspielern und einem aufregenden Selbstversuch mit Spaghettiwasser aus der Fernsehkantine?

Aber gut. ¬ęMacht Salziges tats√§chlich durstig?¬Ľ ist ja noch keine Behauptung. Nur eine Frage, die eine Erkenntnis suggeriert. Suggestivfragen sind das Sicherheitsventil der Journalisten. Bei der Berichterstattung √ľber medizinische Studien geben n√§mlich 40 Prozent der Heftliartikel falsche Empfehlungen ab, 36 Prozent √ľbertragen Ergebnisse vom Tier auf den Menschen, und 33 Prozent stellen Kausalbehauptungen auf ‚Äď das alles gem√§ss einer hoffentlich breit abgest√ľtzten Studie. Bei Artikeln √ľber Ern√§hrungsstudien in Publikumsmedien ist der Anteil an Bullshit vermutlich noch h√∂her, denn Ern√§hrung ist inzwischen ja Religion, und wer Glaubensbekenntnisse in Frage stellt, bekommt mehr Haue und weniger F√∂rdergelder. Seri√∂se Medien servieren die Vermutungen aus der Forscherk√ľche nicht als gesicherte Erkenntnisse. Nur Kioskheftli, Frauenzeitschriften, Gratisaltpapier bei den Bahnh√∂fen, Newsportale, Di√§tverk√§uferinnen und aufgeregte Blogger machen aus bleu einfach bien cuit. Viele verstehen die saukomplizierten Futterstudien der Ern√§hrungswissenschaftler noch weniger als diese selber. Versuchsanlagen, Messmethoden und Analytik werden immer feiner, die Eierk√∂pfe entdecken also st√§ndig neue Schadstoffe, wegen denen die Menschheit l√§ngst ausgestorben w√§re, h√§tte sie nur fr√ľher davon vernommen. Die Auswertung von Daten bietet oft genug die Freiheit, zu fast jedem beliebigen oder gew√ľnschten Ergebnis zu gelangen, und der Grat zwischen Korrelation und Kausalit√§t ist ziemlich schmal.

Viele Ern√§hrungsforscher wissen das selber auch und relativieren ihre Untersuchungsergebnisse bis etwa zehn Zentimeter vor der Bedeutungslosigkeit. Und der Journalist muss sie dann dramatisch verk√ľrzen und aufplustern oder doch wenigstens auf einer Suggestivfrage aufbauen, damit er gen√ľgend Analogfleisch am Knochen hat f√ľr eine Publikation f√ľr das wissenschaftsh√∂rige Publikum. Suggestiv fragen wird man ja wohl noch d√ľrfen. Und viel mehr braucht es gar nicht. Die einen lesen nur Schlagzeilen, die anderen k√∂nnen nicht unterscheiden zwischen Suggestivfrage und Behauptung. Die pflichtbewusste Hausfrau pendelt dann im F√ľnfjahresrhythmus von der Butter zur Margarine und wieder zur√ľck und ahnt erst als Grossmutter, dass sie r√ľckwirkend alles falsch gemacht hat, aber trotzdem noch lebt. Dass Gesundheit wom√∂glich vor allem ein Mangel an Diagnostik ist.

Die Artikel in den Publikumsmedien sind meist Verwurstungen aus Fachmedien. Und dorthin gelangen sie wie folgt: Die Forscher schicken einen Artikel, und der Verlag l√§sst ihn von einem Profi begutachten, der dann entscheidet, ob gen√ľgend Fleisch am Knochen ist. Oft genug fehlt dem Verlag die Zeit, und der Forscher ist so nett, gleich selber einen Gutachter vorzuschlagen ‚Äď den der Verlag dann durchwinkt. Vor gut zwei Jahren hat der Springer-Verlag 64 wissenschaftliche Zeitungsartikel ¬ęzur√ľckgezogen¬Ľ, die in seinen wissenschaftlichen Magazinen erschienen waren, weil die Gutachten fingiert waren. Es gab schon F√§lle, in denen Autoren mittels Pseudonym ihre Einreichungen gleich selber pr√ľften und dann zur Publikation freigaben.

Der Medizinsoziologe (verdammt!) Aaron Antonovsky fragte sich vor Jahrzehnten, wie eigentlich Gesundheit entstehe. Genauer: Welche immateriellen Ressourcen und Eigenschaften einem Menschen helfen, seine Gesundheit zu erhalten. Zur Basis seiner Salutogenese wurden drei Elemente: die F√§higkeit, die Dinge des Lebens zu verstehen. Die √úberzeugung, das eigene Leben gestalten zu k√∂nnen. Und der Glaube, dass das Leben einen Sinn hat. Wom√∂glich hat die Gesundheit mit der Ern√§hrungsforschung viel weniger zu tun, als man ahnt, aber viel mehr mit der √ľber Jahrzehnte gewachsenen und weitergegebenen Ern√§hrungserfahrung und dem Lebensverst√§ndnis unserer Grossm√ľtter. Kocht man so entspannt wie sie, verliert die Wahl von Butter oder Margarine vielleicht an Bedeutung. Darum die Di√§tempfehlung: so weit wie m√∂glich auf den Konsum von Bullshitstudien verzichten.



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