Duschen im Hotel

Die Menschheit ist wahnsinnig intelligent. Wir spalten Atome, fliegen schneller als der Schall, sehen Politikern beim Reden zu, die schon tot sind, bauen Raketen fĂŒr Wasservorkommen auf dem Mars und Duscharmaturen fĂŒr das Wasservorkommen in Hotelzimmerduschen.
Text: Monsieur Tabasco
Veröffentlicht: 20.11.2016 | Aus: Salz & Pfeffer 3/2016

Dort gibt es nĂ€mlich reichlich davon. In fast jeder Form, ausser in der gewĂŒnschten.

Am gewĂŒnschtesten ist die richtige Temperatur. Die regelt man am Wassermischer. Blau steht fĂŒr Erfrierung, rot fĂŒr VerbrĂŒhung. In manchen Hotels allerdings steht blau fĂŒr Erfrierung und rot auch fĂŒr Erfrierung. Es gibt auch Brausen mit Menu surprise. Und weil der Wassermischer traditionellerweise oft direkt unter der Brause montiert ist, vermutlich damit die Wand auf der andern Seite nicht verunstaltet wird, weiss man schon beim ersten Strahl, ob man heute erfriert oder sich doch eher verbrĂŒht. Wahlweise kann man nach dem Aufdrehen auch schnell nach hinten springen und sich dabei die Haxe brechen. Oder man nimmt die Handbrause herunter und testet die Kaltfronten und Hitzewellen an einem Versuchsorgan nach Wahl. DarĂŒber hinaus sind einige Mischer trotz roter und blauer Seite farbenblind und vollziehen auch nach Minuten des Duschens noch atemraubende TemperatursprĂŒnge zur Förderung der Koprolalie-Emissionen.

Am schnellsten geht der Temperaturfindungsprozess beim modernen Einhebel-Wassermischer. Ausser wenn er klemmt. Dann vollzieht er sich anfangs gar nicht, danach ruckartig. Manche Modelle bieten im Klemmmodus eine Fingerquetschoption. FĂŒr ein Plus an Spass sorgt ein höhenverstellbarer Gleiter, der an der Brausestange nach unten rutscht und dessen ausgeleiertes Kugelgelenk das Gewicht der Brause einknicken lĂ€sst.

All dies ist natĂŒrlich nur in Billighotels der Fall. In Luxushotels gibt es sowas nicht, ausser in deinem. Die ĂŒbrigen zahlenden FĂŒnfsterngĂ€ste aber lassen sich beglĂŒcken von modernen «Power & Soul Handbrausen» mit «SpeedClean Antikalk- System» und einer von der Nasa entwickelten Anordnung der DĂŒsen. Die Strahlart «Smooth» streichelt zĂ€rtlich, «Volumen» vitalisiert wie ein Wasserfall und die bei «Booster» aktivierten PowerdĂŒsen in der Mitte frĂ€sen Löcher in die SchĂ€deldecke.

Derzeit hip sind Deckenbrausen fĂŒr Duschgenuss in völlig neuen Dimensionen. Deckenbrausen sind 3456-fach verstellbar und bieten «Rain», «SmartRain», «Champagne-Strahl», «Tropical-Rain», «Schwallbrause», «Rain-Dance», «Intense- Rain», «Turbo-Rain», «Soft-Rain», «Massage-Rain», «Shampoo-Rain» oder «Inkontinenz-Drop». Bereits sollen erste GĂ€ste bei der mehrstĂŒndigen Programmauswahl erfroren sein, weshalb die Anbieter ein zusĂ€tzliches Shuffle-Programm entwickelt haben, das entscheidungsscheue Benutzer beim Überleben unterstĂŒtzen soll.

«Die bei â€čBoosterâ€ș aktivierten PowerdĂŒsen frĂ€sen Löcher in die SchĂ€deldecke.»

Robust sind die Systeme fĂŒr Berghotels, deren hartgesottene GĂ€ste draussen Schöffel und Caterpillar tragen. Sie lieben naturnahe Rustikalprogramme wie Regen, Platzregen, SprĂŒhregen, Nieselregen, Graupelschauer, Schneetreiben, Hagel, Kugelhagel, Stahlgewitter und Hartaberherzlich-Booster. Und antibakterielle Fussduschen. Feine Businesshotels in der Stadt setzen bei den Deckenbrausen eher auf Ultraslim-GerĂ€te der Spitzenklasse mit LED-Beleuchtung, Select-Strahlartauswahl per Tastendruck und «RainO2 Airpower-WasserbelĂŒftungssystem » zur Regen-Simulation. Leider sind die Ingenieure bis dato nicht im virtuellen digitalen dreidimensionalen Kommunikationszeitalter angekomangekommen. Dabei ist offline duschen wirklich von gestern. Die Duschen der Zukunft gehen beim Betreten online, begrĂŒssen den Gast akustisch und optisch auf dem Display mit Namen. Sie bieten Orientierungshilfen wie «GĂ€ste, die Tropical- Rain benutzen, schĂ€tzen auch Soft- Rain» oder «am Sonntagmorgen ist bei GĂ€sten ĂŒber 50 die Schwallbrause besonders beliebt». Nach der Dusche leuchten auf dem Touchscreen sechs Smileys auf, mit denen man das Duscherlebnis bewerten kann. Wer möchte, darf seine Lieblingseinstellung an der Rezeption beim Einchecken angeben oder auf dem iPad im Zimmer vornehmen. Die 90-sprachige App ist vorinstalliert und wird zweiwöchentlich aktualisiert.

In Berg- und Backpackerhotels fehlen Duscharmaturen, die den Verschmutzungsgrad der GĂ€ste selbstĂ€ndig bestimmen und geeignete Programme vorschlagen. Nach der Dusche soll der Gast vom eingebauten «Dyson Ganzkörper Airblade» trocken geföhnt werden, «Brise» oder «Wellness», angereichert mit «Caribbean», «Flowerrose» und 2000 weiteren dermatologisch getesteten Duftnoten. FĂŒr MĂ€nner: IntensitĂ€t «Mach4 unlimited », Duftnote «Black Jack Daniel’s». Und natĂŒrlich soll eine Dusche auch akustisch rieseln, die Playlists reichen von Beatrice Egli in Berghotels, Sales-HörbĂŒchern in Businesshotels und Muezzin-GesĂ€ngen in Interlaken.

In zehn Jahren aber, in zehn Jahren des Digital- und 3D-Duschens wird retro hip sein. Weil wir uns nach all der Technik zurĂŒcksehnen werden nach jener Zeit voller Geborgenheit und BodenstĂ€ndigkeit, in welcher wir noch bescheiden und natĂŒrlich duschten, unter einer einfachen Brause mit warmem und kaltem Wasser, die nicht funktioniert.



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