Natürlich ist nicht gleich moralisch

Am letzten Sonntagmorgen wache ich um zehn vor sieben durch ein eigenartiges Ger√§usch unter dem Bett auf. Ich h√§nge mich kopfvoran √ľber den Bettrand und erblicke in der Todeszone unter unserem Bett unsere Katze, wie sie gen√ľsslich langsam einen kleinen Spatzen killt, den sie zuvor draussen im Garten gefangen hat.
Text: Monsieur Tabasco
Veröffentlicht: 20.11.2016 | Aus: Salz & Pfeffer 4/2016

Meine Frau und ich achten beim Einkaufen, Kochen und Essen auf Frische, Jahreszeit und regionale Herkunft. Das schl√§gt nun offenbar bis auf unseren Kater durch, der sich am Sonntagmorgen ein frisches Katerfr√ľhst√ľck mit einem naturbelassenen Produkt aus dem eigenen Garten g√∂nnt. Die CO2-Bilanz dieser kleinen Mahlzeit ist fantastisch, der Klimapfotenabdruck der Katze tadellos. Kein Transportweg, keine Verpackung, keine industrielle Verarbeitung, der verzehrte Spatz hat artgerecht in der freien Natur gelebt und ist an diesem lauschigen Sonntagmorgen eines naturnahen Vogeltodes gestorben, freundlich unterst√ľtzt von unserem vierbeinigen Sterbehelfer.

In der Schweiz touren zwei Dutzend W√∂lfe durch die W√§lder. Sie werden gesch√ľtzt von einem Wolfskonzept, das uns Schweizer j√§hrlich 80 000 Franken kostet, pro Wolf und Jahr. In Eritrea sind das √ľber 100 Jahreseinkommen. Wer hat Lust, einem Kleinbauern in Eritrea zu erkl√§ren, dass in der Schweiz hochgerechnet alle vier Tage ein ganzer eritreischer Jahreslohn ausgegeben wird, um zwei Dutzend W√∂lfe zu sch√ľtzen, die dann zum Dank daf√ľr sorgen, dass im B√ľndnerland oder im Wallis immer wieder mal ein Schaf verstreut auf einerAlp herumliegt? Die Wolfsversteher vom WWF?

Ein Schaf ist nicht weniger wert als ein Wolf. Eine illegale Walliser Kugel in einemWolfskopf kann vielen Schafen ein l√§ngeres Leben und einen angenehmeren und sinnvolleren Tod erm√∂glichen. K√∂nnte das Schaf seine Todesursache w√§hlen, es w√ľrde wohl den schnellen Tod beim Metzger w√§hlen und nicht das qualvolle Verenden nach dem Besuch eines Wolfs. So wie der Spatz wohl auch lieber unter einem Tesla heimgehen w√ľrde als unter unserem Bett mit unserem B√ľsi. Und ein Reh w√ľrde zweifellos lieber vom J√§ger geschossen, als vom Wolf zerfleischt. Wers bezweifelt, soll mal einem Spatzen, einem Reh oder einer Gruppe gerissener Schafe beim nat√ľrlichen Verenden zusehen. Es ist schwer zu ertragen.

In der Natur kommt nicht erst das Fressen und dann die Moral. Da kommt erst das Fressen und dann das Gefressenwerden. Katzen und W√∂lfe und Schafe und Spatzen kennen keine Moral. Nur der Mensch. Fr√ľher im Zusammenhang mit Religion. Heute mit Natur, Gesundheit und Ern√§hrung. Der Mensch blickt in die Speisekarte, schaut sich die Herkunftsl√§nder der Zutaten an, denkt an Fairtrade, bio, Tierschutz, Menschenrechte und CO2-Bilanz und fragt den Kellner mit ernstem Blick, ob er garantieren k√∂nne, dass die Gluten auch wirklich artgerecht und in fair bezahlter Handarbeit aussortiert und der Wiederverwertung zugef√ľhrt wurden.

¬ęNat√ľrlich¬Ľ ist edel & gut, gesund & ¬ęunverf√§lscht ¬Ľ, was auch immer ¬ęunverf√§lscht¬Ľ heissen mag. ¬ęNat√ľrlichkeit¬Ľ ist zum moralischen Massstab geworden. Essen und Trinken sind heute Gottesdienste, wie jeder Messdiener im Restaurant best√§tigen kann, wenn er die Bestellungen aufnimmt und an seinem Abendmahlstisch sechs Andersgl√§ubige hat. Statt mit Gnade und S√ľhne ist der Heilsweg heute gepflastert mit Chai und Chia, und ¬ęges√ľndigt ¬Ľ wird statt in Nachbars Bett in der Konditorei.

¬ęDie Dosis macht das Gift,
bei Antibiotika wie bei der Moral.¬Ľ

Die Moral hat allerdings bei der Z√ľglete von der Theologie hin√ľber zur Ern√§hrung ihre kleine Schwester mitgenommen, die Doppelmoral. Direktbetroffene predigen Wasser und trinken Wein, predigen bio und kaufen Aktion. Und genau weil Moral gern doppelt auftritt, sollte man sie nicht allzu sehr strapazieren. Es k√∂nnte auf einen selber zur√ľckfallen. Es ist heikel, √ľber Leute zu urteilen, die sich nicht so ern√§hren wie man selber. √úber Leute, die Fleisch essen.Oder die kein Fleisch essen. Oder die Wein trinken. Oder die keinen Wein trinken. Oder die nicht bio kaufen. Oder die unter ¬ęnat√ľrlich ¬Ľ allgemein etwas anderes verstehen als man selber.

Es ist genauso heikel, √ľber Bauern zu urteilen, die nicht bio melken oder produzieren. Die meisten Bauern und J√§ger, Metzger und K√∂che bringen den Tieren mehr Respekt entgegen als eine Katze einem Spatzen. Nicht jedes Herbizid muss des Teufels sein, und auch nicht jede Spritze, die ein Tierarzt einer Kuh setzt. Und Antibiotika haben zu viele Leben gerettet, als dass sie per se zum Sinnbild des B√∂sen taugen. Erst die Dosis macht das Gift, bei Antibiotika genauso wie bei der Moral.

Selbst das Urteilen √ľber Walliser ist heikel( auch wenn es Freude macht), denn aus dem Blickwinkel eines eritreischen Kleinbauern ist vermutlich der WWF krank und der Walliser Ballermann der wahre Tiersch√ľtzer, der mit seinem eher unkompliziert herben Charme 100 bravenL√§mmern das Leben rettet. Und es ist sogar heikel, √ľber meine Katze zu urteilen, die unter meinem Bett mit demselben Charme einen 100-fachen Regenwurmkiller aus dem Verkehr zieht.

Ich habe die Katze trotzdem am Schlafittchen gepackt und hochkant rausgeschmissen. Der Spatz war schw√§cher als die Katze, und seine Solidarit√§t mit den Schw√§cheren wird auch ein eingefleischter Moralskeptiker so schnell nicht los. Nat√ľrlich ist sie nicht, diese Solidarit√§t, aber menschlich.



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