Ramona und Ashatur

Veganerinnen und Vegetarier gibts in zwei Ausgaben. Zum einen die Normalen. Zum andern die andern. Etwa Ramona und Ashatur.
Text: Monsieur Tabasco
Veröffentlicht: 18.06.2019 | Aus: Salz & Pfeffer 4/2019

«Wer sich ernsthaft vegetarisch und vegan ernähren möchte, muss lernen, sich nicht fremdzuschämen.»

Da sind also jene Mitmenschen, die brutal im Einklang leben. Mit ziemlich allem, sogar mit sich selber. Mitmenschen wie Ramona und Ashatur. Deren Website heisst Bewusst-vegan-froh.de. Die beiden leben also bewusst vegan. Sie haben nicht einfach eines Tages beim Zvieri gemerkt, nanu, wir leben ja vegan, sondern haben sich bei Bewusstsein dafür entschieden. Und warum? «Weil tierische Nahrungsmittel unserem Körper schaden und unserer Gesundheit.» Umfassende Ganzheitlichkeit also auch hier: Tierische Nahrungsmittel schaden nicht nur dem Körper. Sondern auch der Gesundheit. Der zweite Grund, weshalb Ramona und Ashatur keine Tiere essen: «Wir lieben Tiere. Sie sind die Freunde der Menschen, wollen uns helfen und uns begleiten. Wenn man einmal diese Bewusstseinsstufe erreicht hat, ist allein schon der Gedanke, Tiere zu essen, völlig absurd.»

Monsieur Tabasco stellt sich gern vor, wie Ramona und Ashatur auf Safari gehen, um neuen Tieren zu begegnen. Neuen Freunden der Menschen, die ihnen helfen und sie begleiten wollen. Wie sie dann bei den Alligatoren schnorcheln. Wie sie feststellen, nanu, die leben gar nicht vegan. Und sie betrachten uns nicht als Freunde, sondern als Zvieri. Wie sie wenige Bissen später eine Bewusstseinsstufe erlangen, in der sie keinen Gedanken mehr an so profane Dinge wie einen Rückflug verschwenden. Wie sie gekaut, verdaut, ausgeschieden und eins geworden mit dem ewigen Fluss des Lebens in Richtung Ozean treiben und ihre Seelen feinstofflich über dem Erdball schweben und zuschauen, wie 100 000 Tierarten sich gegenseitig jagen und fressen, Tag und Nacht, gnadenlos, milliardenfach, unvegan und nicht sehr freundlich.

«Das Universum ist mein Weg», schreibt «Thruthseeker» und «Erdhüter» Ashatur, «die Liebe mein Gesetz, der Friede mein Obdach, die Erfahrung meine Schule.» Er weiss viel über Bewusstsein, Psyche, Leben und Tod, Grenzwissen, Weltraum, Orte der Kraft, Ausserirdisches, Überirdisches, spirituelle Musik, Vegetarismus, Veganismus, Rohkost und Gesundheit. Er postet Texte mit Titeln wie «82-jährige Frau mit Demenz erlangt ihr Gedächtnis zurück, nachdem sie ihre Ernährung und ihren Lebensstil umgestellt hat» und «Dieser neue Kurzfilm wird dich in nur zwei Minuten zum Veganer machen!» und «Diese Pflanze kann 98 Prozent der Krebszellen in nur 16 Stunden zerstören» und «Zähne auf natürliche Weise heilen und reparieren» und «Lass die Krebszellen verhungern, indem du diese Zutat aus deiner Ernährung entfernst».

Besonders froh stimmen einen Dutzende Texte der Kategorie «Walnüsse senken Sterberisiko». Angesichts des bisherigen Sterberisikos von exakt 100 Prozent ist das eine echte Entdeckung. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Menschen schon immer Walnüsse assen und bisher trotzdem 100 Prozent von ihnen starben. Womöglich senken die Walnüsse das Sterberisiko nur dann, wenn man sich dessen fest genug bewusst ist. Eine Portion Nüsse pro Woche reduziere die Mortalität um bis zu elf Prozent, heisst es im Text. Bis zu elf Prozent der Nussesser leben also ewig. Oder es sterben 100 Prozent, aber sie sind dann nur zu 89 Prozent tot. Vielleicht beissen Krokodile bei Nussessern ja auch bis zu elf Prozent weniger heftig zu.

Die elf Prozent der Walnüsse sind übrigens nur Peanuts. Ashatur berichtet von einer «Langzeitstudie, die aufzeigt, dass das Sterberisiko um 50 Prozent sinkt, wenn man sich vegetarisch ernährt.» Kein Wunder, gibt es immer mehr Vegetarier, wenn nur noch jeder zweite stirbt und alle andern ewig leben. Ein Glück, dass die Menschen, die in den umkämpften Gebieten im Jemen ausharren, sich schon lange fleischlos ernähren und damit die Anzahl ziviler Opfer um 50 Prozent senken. Vielleicht sollten Ramona und Ashatur ihre Erkenntnisse der UNO weiterleiten, damit sie über Kriegsgebieten Walnüsse abwirft, zusammen mit einem Ausdruck des Textes «Unser Körper besitzt die Fähigkeit, sich selbst zu heilen».

Wer sich ernsthaft vegetarisch und vegan ernähren möchte, muss lernen, sich nicht fremdzuschämen für die stinkende Jauche aus Gesundheitswahn, Dummheit, Esoterik, Verschwörungsparanoia und Orthorexia nervosa, die einem aus ungezählten Abwasserkanälen entgegenschwappt. Ein Grossteil dieser Triggertexte sind billige Übersetzungen aus dem Englischen und dermassen zugespitzt, dass sie so viele Klicks von Dummköpfen generieren, bis es rentiert, auf den entsprechenden Websites Werbung zu platzieren – für Wundermittelchen, Bücher mit Geheimwissen und ähnliche Idiotika.

Monsieur Tabasco bittet die drittklassigen Ernährungsesoteriker, ihr hochgeschwurbeltes, selbstverliebtes, bauchnabelfokussiertes Einssein mit der Schöpfung ernst zu nehmen und bei nächster Gelegenheit mit Alligatoren zu schnorcheln. Es würde das Internet von Unfug befreien und den IQ der Menschheit um viele Prozente anheben. Und jene, die sich ernsthaft und seriös vegetarisch oder vegan ernähren, müssten etwas weniger dafür kämpfen, ernst genommen zu werden.



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