Rüpel by nature zu Gast bei Freunden

Gute GÀste bezeichnen mittelmÀssiges Essen als gut, gutes als hervorragend, hervorragendes als sensationell.
Text: Monsieur Tabasco
Veröffentlicht: 21.11.2018 | Aus: Salz & Pfeffer 8/2018

Wie Humor ist auch Höflichkeit ein Luftkissen.
Niemals wĂŒrde Mr. Tabasco seine deutschen MiteuropĂ€erinnen und MiteuropĂ€er pauschal der Unfreundlichkeit bezichtigen. Als Schweizer ist er prĂ€ventiv unterwĂŒrfig wie viele Kleinstaatler, sprich: genauso herablassend wie Grossstaatler, aber mehr so von unten herauf, mit einem lautlos hinausgetrotzten «Wir-sind-auch-gross-im-Fall!».

Wenn aber Der Spiegel eine «mĂŒrrische deutsche Leitkultur» postuliert, zitiert Mr. Tabasco selbiges mit vergnĂŒgter Unschuldsmiene. Die PrĂŒgel kassiert an seiner Stelle die Spiegel-Autorin Ferda Ataman, die wohlweislich nicht «Deutsche sind RĂŒpel» schrieb, sondern «Wir sind RĂŒpel. By nature». Wer sich selber mitmeint, darf Machete, wer nur die andern meint, darf bestensfalls Florett.

Ataman wollte Machete. «In Deutschland gilt schon als gastfreundlich, wer an der TĂŒr â€čNa, dann komm mal rein!â€ș stöhnt», heisst es da. «Offenbar brauchen wir Deutschen erst einen triftigen Grund, um uns manierlich zu benehmen.» Und: «Das bisschen Höflichkeit, das wir an den Tag legen, haben vermutlich die AuslĂ€nder mitgebracht.»

Zur Beruhigung der Schnellempörten: Jaja, Ekelbrocken gibts ĂŒberall. Jaja, Höflichkeit ist auch eine Frage der Generation. Davon, ob man auf dem Land, in der Vorstadt oder downtown aufgewachsen ist. Und ob man in der Kinderstube als GrundgefĂŒhl Dankbarkeit vermittelt bekam oder Stolz.

Aber Kinderstuben sind mitgeprĂ€gt von Umfeld, Schule, Peergroup, Zeitgeist, nationaler Biografie, kollektiver Befindlichkeit und regionalem Durchschnittstemperament. Am Berliner Familientisch kriegt das Kind nun mal seltener sahnigen Wiener Charme aufgetischt, Pariser Schmelz, sĂŒdlĂ€ndische BegeisterungsfĂ€higkeit, britisch trockenes Live-and-let-live.

Atamans Grantel-Behauptung wird von Hunderten von Kommentaren bestĂ€tigt. «Lieber klare Kante und Ehrlichkeit als hinterlistige Höflichkeit.» Viele sind liebenswĂŒrdig selbstentlarvend: «Ich bin immer höflich. Selten so einen Mist gelesen.» Weitere Hunderte pflichten der Autorin bei, die meisten mit der Anmerkung, ihre deutsche UnterkĂŒhltheit falle ihnen vor allem bei der RĂŒckkehr aus dem Ausland auf. Am höflichsten sind die Kommentare der weit Herumgekommen.

Selbst ein wenig Schweiz war darunter: «Als Gast beziehungsweise Kundin war ich schon versucht, um Entschuldigung fĂŒr die Zumutung zu bitten, die meine Bestellung fĂŒr mein GegenĂŒber darstellen musste. Dabei fĂŒhlte ich mich an den schweizerischen Kabarettisten Emil Steinberger erinnert.»

So wie weiland Mr. Tabasco, als sein Ohr Folgendes vernahm: «Wenns vo dĂ€m Dessert da au halbi Portione gĂ€bti, dĂ€nn hĂ€tti no Luscht druf.» Und: «We mer no e Schieber wĂŒrde mache, wĂŒrd Ă€ch öpper hĂ€lfe?»

Vorauseilende UnterwĂŒrfigkeit mag unfreiwillig komisch sein, zeitraubender WortmĂŒll ist sie nicht. Sie will auf sicher gehen, nicht verletzen wie die gnadenlos effizienten «Platz da!»-Bestellungen der Klarsprecher. Bei Lob & Tadel gilt Ähnliches. «Ned gschimpft, ist globt gnua» mag fĂŒr Bayern reichen.

Aber man platziere das «kann man essen» aus Ostwestfalen mal in den USA, da bricht Honey in TrÀnen aus. Wie Humor ist auch Höflichkeit ein Luftkissen, das zwar nur aus Luft besteht, gelegentlich aus heisser, das aber die Stösse des Lebens abdÀmpft. An der klaren Kante holt man sich eher Schnittwunden.

Dem Gast, der nehmen möchte, ist es nicht verboten, vorher zu geben. Herzlich grĂŒssen, freundlich Bitte und Danke sagen. Mit Blickkontakt. Den anderen GĂ€sten einen «guten Appetit» wĂŒnschen. Beim Service Vorfreude demonstrieren. Beim AbrĂ€umen aufsehen, den Kopf drehen, dem Kellner in die Augen schauen und sich bedanken, bei jedem Gang – und auch wenns nur ein Praktikant ist. Der hat ebenso Respekt verdient.

Gute GĂ€ste bezeichnen mittelmĂ€ssiges Essen als gut, gutes als hervorragend, hervorragendes als sensationell, dazu ergĂ€nzen sie ihr Urteil situativ mit «grosses Kompliment in die KĂŒche» und allenfalls mit «und eins in den Service, ihr macht das prima».

Man bekommt ein Strahlen und ein Danke zurĂŒck, und bei der RĂŒckkehr an den Tisch ist der Schritt der Kellnerin beschwingter. Zum Adieu gehört ein freundliches Danke und situativ ein «Schönen Feierabend» oder «nĂŒme z strĂ€ng», oder was auch immer passt. Und alles mit einem Blick in die Augen der Menschen. Das klappt auch an der Rezeption.

Und wenn Service oder Futter lausig waren, gibts eine nachtrĂ€gliche Kritik oder Bewertung per Mail oder in einer Echokammer wie Swiss Qualiquest. Zweitens, weil zeitliche Distanz die Kritik versachlicht, und erstens, weil man Kritik auf diese Weise richtig adressieren kann und nicht die Kellnerin senkelt, obwohl man die TĂŒte am Herd meint.

Klare Kante gehört in die Politik und in die Satire, aber nicht ins Zwischenmenschliche. Wer einen kurzen Smalltalk statt als Anlasser fĂŒr die Beziehung nur als Dampfgeplauder versteht, wer das GegenĂŒber nur als wandelnde Funktion behandelt, wer komplett taub ist fĂŒr Verklausuliertes, Indirektes und unausgesprochen Gesagtes, taugt nicht zum Gastgeber und nicht zum Gast.

Von wegen Gastlichkeit – den Slogan des Jahrhunderts haben die RĂŒpel by nature geschrieben. An der Fussball-WM 2006. «Die Welt zu Gast bei Freunden»: Das war die Sternstunde eines Texters, und die Umsetzung war die Sternstunde einer Nation. Ein grosses Lob in die KĂŒche.



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