Verdammte Zeitfresser

Warum steigen wir von einem Gaul, der eigentlich schon tot ist, nicht ab? Monsieur Tabasco macht sich Gedanken zur Wirkung von Social Media.
Text: Monsieur Tabasco
Veröffentlicht: 11.10.2022

Teenager machen das ja auch, einfach ex­zessiver.

Was man streichelt, kann man auch hassen. Das Smartphone zum Beispiel, wenn es klingelt und vibriert und blinkt und nervt. Dazu brauchst du nicht mal jeden Mist und jede Push¬≠News¬≠-Funktion zu abonnieren. Ein paar Kommunika¬≠tions-¬≠Apps und Social¬≠-Media¬≠-Icons gen√ľ¬≠gen, auf denen st√§ndig was reinkommt, das man anschaut, nur ganz kurz, es k√∂nn¬≠te ja was Wichtiges sein.

K√∂nnte. Ist es aber nicht. Nie. Du w√ľrdest schw√∂ren, den verdammten Zeitfresser irgendwann einmal endg√ľltig auszuschal¬≠ten, w√§rst du nicht grad verzweifelt mit der Suche nach dem Ladekabel besch√§f¬≠tigt, weil du nur noch f√ľnf Prozent Strom im Akku hast. Die Logik ist dieselbe wie¬†bei Putin: Man schw√∂rt sich, dieser Kriegsgurgel kein Gas mehr abzukaufen, aber ger√§t in Panik, wenn er droht, den Hahn zuzudrehen.

¬ęMir hat Social Media kaum einen zus√§tz¬≠lichen Gast gebracht¬Ľ, sagt eine Gastge¬≠berin, die in der virtuellen Welt bereits unterwegs war, als sie damit noch auffiel. Das hat sie brutal viel Zeit gekostet. Heute bezahlt sie ein Content¬≠-Managerli daf√ľr, dass es Content postet. Also Zeugs, das informativ oder lustig aussieht, aber eigentlich nur eins sagen will: Ich bin auch noch da imfall, k√∂nntest ruhig wieder mal bei mir einkehren. Ihre Profile l√∂schen kann sie nat√ľrlich nicht, das w√§re dann doch suspekt.

Die Gastgeberin hat √ľbrigens fr√ľh ge¬≠merkt, dass sie am meisten Aufmerksam¬≠keit bekommt, wenn sie selber Aufmerk¬≠samkeit schenkt. Sie hat alles gelikt, was ihr in die Timeline geflutscht ist, hat auch mal kommentiert, hat jeden sp√ľren lassen: Ich lese dich und sehe dich, du bist mir wichtig, ich finde dich toll. Bei einer Gast¬≠geberin, die dich toll findet, kehrst du lieber ein als bei andern. Aber was, wenn du √ľberhaupt kaum mehr einkehrst oder Zimmer buchst? Und wenn alle andern dasselbe tun?

Teenager machen das ja auch, einfach ex¬≠zessiver, die liken den ganzen gestrandeten Ger√ľmpel in ihren Timelines durch, ohne ihn sich wirklich anzuschauen, denn ob sie ihn m√∂gen oder nicht, spielt gar keine Rolle, einen Like geben sie trotzdem, denn g√§ben sie dreimal hintereinander keinen, dann s√§he das bereits wie Liebes¬≠entzug aus. Dass sie die inflationierten und wertlosen Likes auf ihren eigenen Posts absurderweise trotzdem z√§hlen, beweist nur, dass sie noch Teenager sind.

Es ist ern√ľchternd. Da hast du dir mithilfe deiner 18¬≠-j√§hrigen Tochter 1000 Follower erarbeitet und dann stellst du fest, dass der gr√∂sste Teil von denen Stammg√§ste sind, Mitarbeiterinnen, Verwandte, Lieferan¬≠tinnen, Nachbarn und Kolleginnen vom Squash. Alles Leute, die dich eh kennen und eh bei dir einkehren w√ľrden, wenn sie denn √ľberhaupt noch einkehren w√ľrden. Und die √ľbrigen Follower sind Fake¬≠-Accounts oder Influencerinnen, die ein¬≠geladen werden m√∂chten.

Zudem gehen deine Posts mittlerweile in einer √úberschwemmung unter von Wer¬≠bung, Gesponsertem, ¬ęVorschl√§gen¬Ľ und ¬ęReels¬Ľ mit Katzenmist, H√§ngebr√ľcken und Silikonbr√ľsten, die Social¬≠-Media-¬≠Ma¬≠nager tun ja alles, um ihre Kan√§le dermas¬≠sen zu entwerten, dass die Userinnen und User aufh√∂ren zu scrollen und nur noch posten. Dann posten alle, keiner guckt mehr, und aus ist es mit der Beachtung. Das Mass f√ľr die Intensit√§t und Dauer von Aufmerksamkeit nennt man Konzentra¬≠tion, und die ist beim Scrollen ohnehin nicht mehr existent. Wisch und weg.

Ab einer gewissen Gr√∂sse kann man allen¬≠ falls noch an der Prominenz anderer User und Userinnen andocken, diesen Auf¬≠merksamkeitsgeneratoren, auch Influen¬≠cer genannt, aber selbst dort ist die Wir¬≠kung d√ľnn und die Halbwertszeit null. Holt die 25¬≠j√§hrige Nagellack-¬≠Tussi neue G√§ste ins F√ľnf¬≠-Sterne-¬≠Hotel, wenn sie dort drei Tage eingeladen ist, ihren Hin¬≠tern in der Suite in Szene setzt und ihre Begeisterung f√ľrs Hotel kundtut? Hat die Nagellack-¬≠Tussi unter ihren Followern jene Porsche¬≠-Fahrer, die die n√∂tige Kohle haben, in einem Luxushaus abzusteigen?

Nein, hat sie nicht. F√ľr sie selber, f√ľr die Wirtin und den Hotelier und f√ľr alle an¬≠dern Mitmenschen taugt Social Media heute prim√§r zur Selbstwertsch√§tzung. Man kann sich das eigene Profil angucken und Freude haben an der eigenen Kreati¬≠vit√§t oder den eigenen Aktivit√§ten. Und nein, Monsieur Tabasco weiss auch nicht, wie der Hotelier oder die Wirtin auf So¬≠cial Media gen√ľgend zus√§tzliche G√§ste holen, die den Zeitaufwand f√ľr die Be¬≠spielung der eigenen Kan√§le rechtfertigen. F√ľr die meisten ist dieser Gaul tot. Abstei¬≠gen tun trotzdem die wenigsten. Es fehlen wirkungsvolle Alternativen zur medialen Multiplikation von Aufmerksamkeit. Also streichelt man weiter, was man hasst. Das Menschsein ist manchmal schon ver¬≠dammt anstrengend.



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