Von Lemberger. Und von Menschen.

Monsieur Tabasco war zum Essen im Restaurant. Auch Wein wurde bestellt – und falsch serviert. Oder doch nicht?
Text: Monsieur Tabasco
Veröffentlicht: 03.10.2023

«In der Luft liegt ein Hauch von Friedenspfeife.»

Wir befinden uns in Rheinland­-Pfalz. In der Vulkaneifel. In Steinborn. Im 800­°C­-Restaurant, benannt nach der Hitze des Grills. Das Rib Eye vom Li­mousin hat 21 Tage am Knochen im Rei­feschrank bei vier Grad und 85% Luft­feuchtigkeit absolviert, und wer hier «Gibts auch vegan?» fragt, wird von den ĂŒbrigen GĂ€sten wortlos in einem der klei­nen Vulkanseen der Eifel ersĂ€uft.

Sechs Mitmenschen schweizerischer und deutscher Provenienz sitzen zu Tische, unter ihnen zwei Ă€ltere Herren. Der eine bestellt stets mit einem «Isch krisch». Er ist ein pensionierter Restaurateur mit Lese­brille, die er daheim vergessen hat. Der andere hat sein HörgerĂ€t eingeschaltet, aber Essen bestellt er nie, nein, er bittet darum, «I hĂ€tt gern». Er krischt nisch. Krisch lischt ihm nisch. Weitere Figuren im Kammerspiel: ein sonniger Kellner mit mutmasslich syrischen Eltern. Ein liebens­wĂŒrdiger Asiat, der «Hat es geschmeckt?» sowie «Darf ich abrĂ€umen?» auswendig kann. Und eine rotbackige Servicefach­ angestellte unter Dauerstrom.

Die Wahl des Weines obliegt seit Nixons PrĂ€sidentschaft dem friedfertigen IhĂ€tt­ gern. Ein Entzug dieser Verantwortung aufgrund wachsender Überforderung wĂ€re sein Todesurteil. Nach kurzem Studium der Weinkarte erbittet er bei der Rot­backigen «den Lemberger». Das Essen kommt. Der Wein nicht. Die Bitte ging wohl unter. Wer dafĂŒr kommt, nĂ€mlich zufĂ€llig vorbei, ist der brave Asiat, bei dem der IhĂ€ttgern den Lember­ger nun noch einmal bestellt. Das freund­liche Geschöpf nickt so, dass allen klar ist, dass es nichts verstanden hat, und wieselt ab. Kurz darauf aber erscheint der sonnige Kellner mit einer Flasche Rotwein. WĂ€h­rend der IhĂ€ttgern degustiert, begutachtet der Ischkrisch kritisch die Flasche in des Kellners Hand, und auch ohne Lesebrille fĂ€llt ihm auf, dass auf der Etikette fast nichts steht, vor allem nicht «Lemberger». Es ist eine Cuvée. Der IhĂ€ttgern scheint das ebenfalls zu realisieren, schlĂŒckelt aber unverdrossen und nickt dem Kellner zu. Wenn der falsche Wein schmeckt, wozu den richtigen einfordern? Krisch lischt ihm nisch.

Beim Ischkrisch verschlechtert sich das Wetter, aus heiter wird bewölkt, ein fal­scher Wein ist ein falscher Wein. Der Kell­ner, dieses Schlitzohr, wollte doch bloss die VerspĂ€tung wettmachen, bevor die GĂ€ste ihr Rib Eye zu Ende gesĂ€belt haben, griff nach der ersten Flasche und dachte sich, die beiden Senioren wĂŒrden es nicht merken. Die braven Schweizerinnen und Schweizer wirken leicht verspannt. Der Sinn jeglicher Konfrontation besteht in deren Vermeidung, als Kleinstaatler haben sie das verinnerlicht. Alle am Tisch wissen: Dieser Wein ist noch nicht gegessen.

Zwei, drei BĂ€uerchen spĂ€ter rĂ€umt der sonnige Kellner ab. Der Ischkrisch ergreift die Gelegenheit, also das Wort, und mo­niert, dieser Wein da, der sei ja doch kein Lemberger gewesen. Der Keller jedoch ist um eine Antwort nicht verlegen: «Doch, doch, eine Cuvée mit Lemberger darin.» Als er mit dem Geschirr wieder ab­schwirrt, steigt am Tisch die Temperatur auf gefĂŒhlt 800 Grad Celsius. In seiner Zeit als Wirt hat der Ischkrisch niemals GĂ€ste verscheissert, und auch er will nicht verscheissert werden. Gnade Gott dem Kellner, wenn dieser die Rechnung bringt. Der IhĂ€ttgern schwitzt Blut. Scheiss Lemberger, hĂ€tte er doch bloss einen Chianti gewĂ€hlt.

Der sonnige Kellner erscheint wieder, in der einen Hand die Rechnung, in der an­ dern die Weinkarte. Er öffnet sie, ĂŒber­reicht sie dem Ischkrisch, zeigt mit dem Finger auf eine Position und sagt: «Hier, die Cuvée.» Der ĂŒberraschte Ischkrisch kann das Kleingedruckte mangel seiner Lesebrille nicht entziffern, und der Kell­ner liest es ihm vor, fröhlich und ohne die geringste Note von Triumph oder Ironie: «Cuvée, Weingut Klumpp 2018, mit Lem­berger, SpĂ€tburgunder, St. Laurent und Cabernet Sauvignon.»

Der IhĂ€ttgern hatte nur «Lemberger» ge­lesen und bestellt. Und der Ischkrisch hat­te ganz selbstverstĂ€ndlich mal dem Kell­ner misstraut. Dieser sieht ihn ungetrĂŒbt sonnig an und fragt mit einem Augen­zwinkern: «Gut?» Die Runde am Tisch atmet erlöst auf, der Ischkrisch nickt, sein LĂ€cheln verfeinert mit einer Note Schuld­eingestĂ€ndnis. Der Kellner lacht und tippt seinem Gast fast freundschaftlich auf die Schulter. In der Luft liegt ein Hauch von Friedenspfeife. Der IhĂ€ttgern gibt sich so unbeteiligt wie möglich, und seine Frau scheint nachzurechnen, wie viele Jahr­zehnte seit Nixons PrĂ€sidentschaft ver­gangen sind.

Die Rotweincuvée N°1, ausgebaut im Holzfass, zeigt Aromen von Brombeeren, Kirschen und Cassis, am Gaumen ist sie fleischig, saftig und samtig. Kurz, ein aus­ gewogener Tropfen mit einem entspann­ten Abgang.



Seite teilen

Bleiben Sie auf dem Laufenden – mit dem kostenlosen Newsletter aus der Salz & Pfeffer-Redaktion.

Salz & Pfeffer cigar gourmesse