Angezapft

Es fing doch so gut an

Beim AufrÀumen kommen mir alte Schulunterlagen in die HÀnde. Sie stammen vom Wahlkurs «Geschichte und die wirtschaftliche Bedeutung der Genussmittel». Meine sensorische Neugier wurde da geweckt, als ich das erste Bier professionell verkosten durfte.

Nun überfliege ich die alten SchulblĂ€tter amüsiert. «Die Ă€ltesten Biertrinker gab es in Mesopotamien um 4000 vor Christus», lese ich da. Daneben ein Bild eines alten Siegels, das zwei StrichmĂ€nner neben einem grossen Bottich zeigt. Schön, laben sich die Menschen schon so lange am Bier. Darunter zeigt eine Abbildung eine etwas grimmig dreinblickende Frau mit spitzem Hut, sie hat die Arme ausgestreckt und trĂ€gt in beiden grosse Bierhumpen. «Alewife», lese ich in der Legende. Jetzt bin ich neugierig. Leider finde ich in den Unterlagen keine weiteren Informationen. Dafür eine mehrseitige Abhandlung über das Reinheitsgebot und darüber, wieso es das erste Lebensmittelgesetz konstatierte. Spannend, aber nicht das, wonach ich suche.

Im Internet werde ich fündig. Das hĂ€usliche und kommerzielle Bierbrauen liegt bis ins SpĂ€tmittelalter mehrheitlich in Frauenhand. Einige nutzen ihre entsprechenden FĂ€higkeiten nicht nur für den eigenen Konsum, sondern sehen darin auch eine Einnahmequelle. Den sogenannten Alewives beschert das Bierbrauen zudem gesellschaftliches Ansehen. Ich finde ein PortrĂ€t von Mother Louse. Sie war eine berüchtigte Alewife und hatte ihr Gasthaus in der NĂ€he von Oxford im 17. Jahrhundert. Louse hat ein spitziges Kinn und einen spitzen Hut. In beiden HĂ€nden trĂ€gt sie einen Bierkrug.

Andere unternehmungslustige Frauen gehen mit ihrem eigenen Bier auf den Markt und verkaufen es an durstige Besucher. Die hohen, spitzen Hüte tragen sie, damit ihre Kunden sie auf dem vollen Marktplatz sehen können. Sie transportieren ihr GebrĂ€u in Kesseln. Und diejenigen, die ihr Bier in GeschĂ€ften verkaufen, haben Katzen, um MĂ€use vom Getreide fernzuhalten.

Und dann kommt der Wendepunkt: Als die Frauen auf den europĂ€ischen BiermĂ€rkten Fuss fassten, beginnt die Reformation. Die religiöse Bewegung predigt im frühen 16. Jahrhundert strengere Geschlechternormen und verurteilt Hexerei. Die weiblichen Brauer werden beschuldigt, Hexen zu sein und in ihren Kesseln Zaubertrank statt Schnaps zu brauen. Mit der Zeit werden das Brauen und der Verkauf für Frauen immer gefĂ€hrlicher, da sie als Hexen missverstanden werden können. So geht die Vorherrschaft in der Bierindustrie in MĂ€nnerhĂ€nde über. Ich klappe den Laptop zu und seufze.

Carole Gröflin

Präsidentin der Gesellschaft zur Förderung der Biervielfalt
Ausgabe: Salz & Pfeffer 4/2021 / Datum: 31.08.2021


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