Ausgefressen

Macht über Mägen

Kürzlich habe ich gelernt, dass die Schweiz als Nation ihren landwirtschaftlich nutzbaren Boden schützt, dass diese Protektion der Erde sogar als Landesverteidigung verstanden wird. Das hat mich zutiefst beeindruckt. Somit verschmelzen Land, Boden, Erde und die daraus entstehenden Produkte zu einem Gut von gesellschaftlichem Interesse. In Österreich ist das nicht so. Vom Bodensee bis zur ungarischen Grenze dürfen die Vertreterinnen und Vertreter jeder Kleinstgemeinde selbst über Besitz und Nutzung von Grund und Boden entscheiden. Vielleicht ist Österreich deshalb Versiegelungsweltmeister. Nirgendwo sonst werden elf Fussballfelder pro Tag unwiederbringlich in Asphaltwüsten verwandelt. Ein Schelm, wer dabei an korrupte Praktiken denkt. 

Alles Essen kommt aus der Erde! Nur fruchtbarer Boden kann Lebensmittel mit den verschiedenen Nährstoffen versorgen. Wie das Essen ist der Boden eine wertvolle Ressource, selbst wenn manche Fläche oder manches Stück Brot nichts wert zu sein scheint. Insofern ist Boden, also Land, seit jeher ein wichtiger Machtfaktor. Mit jedem neuen Menschen, der geboren wird, steigt der Bedarf an fruchtbarem Boden. Mit jedem Quadratmeter, der zubetoniert wird, sinkt das Potenzial von Region und Gemeinschaft, sich souverän selbst zu versorgen. Insofern bewundere ich den politischen Willen der Schweizer Gesellschaft, Land und Boden zu erhalten. 

Doch die Tatsache, dass alles Essen aus der Erde kommt, verdeckt auch jene Machtverhältnisse, welche die Nutzung des landwirtschaftlichen Bodens kontrollieren. Nur die wenigsten Produkte landen direkt vom Feld auf den Tellern, selbst wenn die Nachhaltigkeitsstrategie der Europäischen Kommission ebendas recht blumig und verlogen verspricht. 

Die wichtigsten Kulturpflanzen versorgen uns mit Kohlenhydraten. Weizen, Gerste, Roggen gelangen hauptsächlich über Umwege in europäische Haushalte. Ein Grossteil des produzierten Fleischs wird zu faschierten Laibchen (sprich: Frikadellen) für ziemlich internationale Konzerne verarbeitet. Et cetera. Auch vom Gemüse geht nur ein Bruchteil vom Hof auf den Teller. Der Rest wird irgendwie verarbeitet. Zwischen Farm und Fork ist eine Engstelle. Sekundärproduktion und Handel versehen in Fabriken und Supermärkten agrarische Produkte mit grossem Mehrwert und diktieren, was auf den Höfen produziert und in den Geschäften verkauft wird. Das ist Macht über Mägen. 

Der Glaube daran, dass Konsumenten und Konsumentinnen die bäuerliche Produktion, also die Nutzung von Land, beeinflussen können, ist entweder naiv, schwachsinnig oder verlogen. Die Gastronomie als Grosskundin ist da hingegen deutlich besser aufgestellt. Sie könnte souverän, nachhaltig und frei agieren. Es wäre uns allen sehr geholfen. 

Martin Hablesreiter

Fooddesigner, Wien
Ausgabe: Salz & Pfeffer 5/2022 / Datum: 11.10.2022


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