Ausgefressen

Wüstenmehl und Bergfrüchte

1984 war ich zehn Jahre alt. Damals las ich mit Begeisterung ein Jugendbuch mit dem Titel Patrik Pacard. Die Geschichte erzählt von einem Teenager, der unbeabsichtigt in eine Spionageaffäre verwickelt wird. Ungeahnt und lange unentdeckt erhält er einen Chip mit einer geheimen Genmanipulationsformel in die Fusssohle eingesetzt. Diese Formel stammt vom norwegischen Biologieprofessor Gunström, und sie ermöglicht die Aussaat und Ernte aller Nutzpflanzen in allen Landstrichen und Klimazonen der Welt. Weizen oder Zucker könnte in arabischen Wüsten wachsen. Ananas, Erd- oder Himbeeren würden auch im Spätherbst oder Winter in hochalpinen Regionen gedeihen. Am Ende des Buchs erkennen Professor Gunström und Patrik Pacard, dass diese Formel mehr Probleme als Frieden provozieren würde – und sie vernichten sie.

2021 gedeiht Weizen in der arabischen Wüste. Mit billigster Energie, erzeugt aus Erdöl, wird Grundwasser aus 4000 Metern Tiefe gepumpt, um Felder zu bewässern. Dieses Korn ist auch in Europa auf dem Markt. Theoretisch könnte jede und jeder von uns alltäglich in ein Brot aus Wüstenmehl beissen. Die Herkunft von Schrot und Korn wird Europas Konsumentinnen und Konsumenten nicht verraten. Ob wir schon bald Zucker aus extrem heissen, trockenen Zonen in die Melange oder in den kleinen Schwarzen einrühren werden, wissen wir ebenso wenig. Jedenfalls wird gerade in den arabischen Emiraten eine der grössten Zuckerraffinerien der Welt gebaut. Es geht also auch ohne Gunströms geheime (damals fiktive) Formel.

Wie die Wüste wurden auch hochliegende Bergdörfer zu Gärten Eden. Paradiesisch sind die Frühstücksbuffets, Dessertkarten und eher selten auch die Gemüsebeilagen. Frühstückspensionen und Grand Hotels in sogenannten Wintersportorten überbieten einander bei der Darreichung frischer Früchte. Ananas, Melonen, Pfirsiche und allerlei Waldbeeren bereichern jedes Frühstück. Kaum ein üppiges Dessert kommt ohne Trauben, Johannis-, Him- und Heidelbeeren auf den Tisch. Alles ist echt und frisch. Manchmal weist sogar noch ein kleines Schild darauf hin, dass die Früchte- und Kräutervielfalt aus dem hoteleigenen Garten stammt. So starten wir frohlockend in den Skitag. Unter der Schneedecke wachsen frische Früchte. Wir urlauben bei den innovativsten Hoteliers der Welt. Sie haben dem Lauf der Jahreszeiten, ja der Natur ein echtes Schnippchen geschlagen. Sie haben Gunströms Formel ergattert. Als Gast ist es immer wieder ein zweifelhaftes Vergnügen, sich verarscht zu fühlen.

Dabei gäbe es Möglichkeiten, gemeinsam mit aufgeschlossenen landwirtschaftlichen Betrieben über Winterobst und -gemüse zu reden. Gemeinsam könnten richtig coole Rezepturen entwickelt werden. Das wäre ganz grosse Kochkunst. Auch die Konservierung und Geschmackserhaltung der Sommer- und Herbstware kann zu fabelhaften, kulinarischen Erlebnissen führen. Wir werden euch dankbar sein.

Martin Hablesreiter

Fooddesigner, Wien
Ausgabe: Salz & Pfeffer 1/2022 / Datum: 08.02.2022


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