Ausgetrunken

Der Name ist Programm

Namen seien nur Schall und Rauch, sagte Goethes Faust, veränderlich und vergänglich. Da ist viel Wahres dran. Mitunter sind Namen aber entscheidend, zum Beispiel bei Produkten. Es gibt Agenturen, die nichts anderes machen, als Namen zu entwickeln, die neben dem Design Teil des Marketingkonzeptes sind. Auch in der Lebensmittelbranche ist da seit einigen Jahren Bewegung drin. Ganz weit vorn: die Sparte Bier. Während die Erzeugnisse früher Porter, Dunkles oder Weissbier hiessen, ist die Namenswelt heute bunter (auch beim Design): Always a pleasure, Post human values, Hoppy End, Haarige Kuh, Kama Citra Single Hop Pale oder Heiteres Kloster. Ähnlich klang- und fantasievoll sind die Namen von alkoholhaltigen Drinks: Between the sheets, Cable car, The Alchimist’s Solution...

Viele alkoholfreie Cocktails klingen hingegen so, als ob bei der Namensfindung eine externe Beratung eine gute Idee gewesen wäre: bei der Virgin Colada, zum Beispiel. Julia Momosé, Bartenderin aus Chicago, schreibt in ihrem alkoholfreien Manifest «Spiritfree»: «Das spielt mit dem so seltsamen kulturell aufgeladenen Thema â€čJungfräulichkeitâ€ș und â€čUnschuldâ€ș in der, wie ich finde, schlechtestmöglichen Form.»

Überhaupt haben die Virgin-Drinks nur sehr wenig mit ihren alkoholischen Pendants zu tun. Die Virgin Colada ist ein Mocktail im besten Wortsinne (also von to mock, sich über etwas lustig machen). Wer möchte so etwas trinken? Das Getränk ist einfach nur eine Karikatur der Piña Colada aus Ananasnektar, Kokosnussmilch, Rahm und Schirmchen. Hello Seventies! Mal abgesehen davon, dass der Name keinen Sinn ergibt: Er bedeutet übersetzt in etwa «Gesiebte Jungfräulichkeit».

Die Haltung einer Bar zu nichtalkoholischen Drinks zeigt sich bei der Namenswahl sehr deutlich. Nehmen wir den Faux Gin Fizz. Nur der «richtige» Gin Fizz enthält Alkohol? Warum ist die Version ohne Alkohol falsch? Warum nennt man den Faux Gin Fizz nicht, sagen wir mal, Juniper 3.0? Damit käme gar kein Vergleich mit dem alkoholischen Pendant auf, und das fizzy Getränk mit Wacholder könnte für sich alleine stehen.

In innovativen Bars, beispielsweise in der neuen Collab Bar der Schweizer Bartenderin Chloé Merz in Hamburg, stehen alkoholfreie Drinks ganz selbstverständlich neben den alkoholischen auf der Karte, ausserdem liegt ein besonderes Augenmerk auf No und Low. Die Drinks auf dem Menü sind in fünf Kategorien unterteilt: No Alcohol, Low ABV, Medium, Boozy und Bitzeli viel. Die Drinks sind mit einem entsprechenden Piktogramm versehen, die Namen konsequent komplex und erwachsen: Pa- loma 5.0, Naughty Nectar oder The Polinator. Und vor allem: kein zero, faux, virgin oder no. Geht doch!

Nicole Klauss

Kulinarische Autorin und Gastronomieberaterin, neuetrinkkultur.de
Ausgabe: Salz & Pfeffer 5/2023 / Datum: 03.10.2023


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