Einmal Fleisch mit alles

Blut fĂĽr die Fische, zerkochte Knochen fĂĽrs Fernsehen und zusammengeklebte Steaks, die auf dem Grill davon schrumpfen.
Text: Monsieur Tabasco
Veröffentlicht: 08.05.2018 | Aus: Salz & Pfeffer 3/2018

«Das riecht. Nach Story. Das ZDF riecht mehr als das. Es riecht Blut.»

Mering, das Städtchen bei Augsburg, ist jetzt wieder malerisch. Es stinkt kaum mehr, wenn der Wind vom Lerchfeld her bläst. Früher ging dort die Meringer «Tierkörperverwertung» ihrem freundlichen Tagewerk nach. Später wurde der Betrieb ein kleines bisschen umfunktioniert und ein grosses bisschen umbenannt – in «Tierfutter- und Biogasherstellung». 2011 übernahm eine Firma namens Sonac die Anlage und versprach Grosses, woraufhin der Bürgermeister nicht mehr von Gestank sprach, nur noch von Geruchsbelastung. Steuergeld stinkt nicht, Steuergeld macht malerisch.

Die Sonac baute Luftwäscher und Biofilter ein, und ein paar Jahre später funktionierten sie sogar einigermassen. Inzwischen erinnern nur noch gelegentliche Kadaverbrisen daran, dass im Lerchfeld aus Schlachtabfällen Futtermittel werden für Geflügel und Fisch auf unserm Tisch. Allein die neue Anlage zur Verarbeitung von Rinderblut schafft 60 000 Tonnen jährlich. Mehrere Tanklaster pro Tag, von fröhlichen Chauffeuren aus Schlachthöfen in Deutschland, Belgien und Frankreich herbeigedieselt.

Aus dem Blut und den Schlachtabfällen macht die Sonac Pulver. Zum Beispiel Plasmamehl und gluschtig rotes Hämoglobinmehl. Futter für Zucht- und Haustiere, für Fischfarmen, für uns. Es sind Proteine. Wertvolle Proteine, aus denen man eigentlich Besseres machen kann als Tierfutter. Nämlich Zusatzstoffe für die Fleischprodukte. Pulver für Fleischverarbeiter. «Wir haben die Zutaten, das Wissen und die globale Reichweite, um Ihnen zu helfen, die besten Fleischprodukte zu liefern.»

Vom Schlachtabfall via Lerchfeld direkt in die Fleischherstellung, lecker. Das riecht. Nach Story. Das ZDF riecht mehr als das. Es riecht Blut. Redakteure von Frontal/21 gründen eine Scheinfirma, «Rheinsberger Wurstwaren», geben sich interessiert an Fleischzusätzen und laden einen Sonac-Vertreter in ihr Scheinbüro ein. Und der sagts unverblümt: «Wir holen beim Schlachthof alles ab, was nicht verarbeitet werden kann. Wir verarbeiten 100 Prozent, nichts landet bei uns in der Mülltonne. Wir machen quasi aus Scheisse Gold.

Zum Beispiel werden Knochen zerkleinert und enzymatisch aufgekocht, bis der Knochen sich auflöst. Aus den Bestandteilen zieht man dann funktionelle Eiweisse heraus. Damit kriegen Sie mehr Wasser in die Wurst.» Die Scheinfirma vom ZDF gibt sich begeistert, lässt sich Pulver-Müschterli schicken und zum Seminar einladen. Dort stehen die Schlachtabfall-Proteine aus Collagen und Plasma auf dem Tisch, aber nicht als Pulver, sondern als eine Art Caramelköpfli in diversen Farbtönen und Gelatineklassen, kurzum: schnittfestes Wasser. Der Traum aller Wurstwarenhersteller.

Die Kursteilnehmer lernen, wie man mit Enzymen und Proteinen Steaks zusammenklebt aus Fleischresten. Wie man Schlachtabfall-Proteine der Wurstmasse beigibt, als Wasser-Bindemittel. Oder wie man es mit Wasser mischt und in unbehandeltes Frischfleisch einspritzt, mittels feiner Nadeln in einer «Injektionsstrasse», sodass dieses im Laden 15 bis 20 Prozent mehr Gewicht auf die Waage bringt. Nicht Scheisse zu Gold, sondern Wasser zu Fleisch.

Klammer auf. 2011 war die Sonac eine Tochter von Vion Ingredients, die zur Vion Holding NV gehörte, die zur Vion Food Group gehörte, die jede Woche 300 000 Schweine und 17 000 Rinder metzget, unter Marken wie FVZ Convenience («einfach echter Genuss») oder Goldbeef («zart und saftig») verkauft und die der Stiftung SBT als Vermögensverwalterin gehört, die Hinterlegungsscheine für ihre Aktien an NCB-Ontwikkeling ausgegeben hat, die als Investmentfonds im Namen der ZLTO handelt, einem Verband von rund 15 000 Agrar-Unternehmern in Holland, Gopfertelisiech. 2014 hat Vion ihre Division Ingredients jedoch vertschuttet, für 1,6 Milliarden Euro, und Sonac Mering ist nun eine von 27 Tochterfirmen von Darling Ingredients, dem an der New Yorker Börse gehandelten weltgrössten Schlachtabfallverwerter. Klammer zu.

Die Fleischpanscherei ist legal, sofern man das Fleisch mariniert verkauft und «Würze» deklariert, was sich besser verkauft als «Schlachtabfall-Proteine». Aber auch ohne Marinade kommt der Fleischpanscher ungeschoren davon, der Lebensmittelkontrolleur findet nur tierische Proteine.

«Pfui!», ruft das Fernsehen. «Pfui!», ruft der Zuschauer, und beide denken nicht daran, dass es ohne Proteinfutter keine Tiermast gibt. Dass die Alternative Soja ist. Dass allein die Schweiz jährlich 300 000 Tonnen Sojaschrot einführt. Dass für eine Jahresernte von rund 300 Millionen Tonnen Soja jahrzehntelang Millionen von Hektaren an Grasland, Savanne und Regenwald abgeholzt wurden, grossteils in Südamerika.

Mering ist jetzt wieder malerisch. Man kann draussen grillieren wie im Rest der ersten Welt. Spottbilliges Discounterfleisch, Unmengen. Auch am Mittag gibts günstiges Fleisch. Döner. Mit alles. Das Zeugs ist billiger als Bio, Knospe, Mutterkuhhaltung, Bauernmarkt, Naturabeef. Dafür bezahlt man mehr, bekommt aber Fleisch, das nicht aus Wasser, Schlachtabfällen, Antibiotika und Regenwäldern besteht und auf dem Grill davonschrumpft.

Genussfleisch ist nicht zu teuer, sondern Fressfleisch ist zu billig. Noch ein paar blumige Schlachtabfall-Stories, dann wird auch der letzte Gastgeber merken, dass es sinnvoll ist, in der Speisekarte den Metzger und den Landwirt seines Vertrauens zu deklarieren. Sie werden kommen, die Stories.

Quellen: ZDF, SRF, NZZ, Stern, Berliner Zeitung, Augsburger Allgemeine, Wiki, Websites der genannten Unternehmen



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