Quo vadis, Tourismus?

Covid-19 verĂ€ndert das GeschĂ€ft mit dem Reisenden und schafft Raum fĂŒr ein generelles Um- und Überdenken. Ein Gastbeitrag.
Text: Martin Hablesreiter – Illustration: Philip Schaufelberger
Veröffentlicht: 13.10.2020 | Aus: Salz & Pfeffer 6/2020

«Ökologische und soziale Nachhaltigkeit sind keine Randthemen mehr. GĂ€ste, die gesundes, lokales, saisonales Essen verlangen, sind so ernst zu nehmen wie Allergiker.»

Die letzten Monate, der Lockdown, die Pandemie machten mich und viele meiner Freunde nachdenklich. Unnachgiebig an einem (Wirtschafts-)System festzuhalten, das Verschwendung, Ausbeutung und skrupelloses individuelles Gewinnstreben zum kulturellen Ideal verklÀrt, wird zunehmend hinterfragt. Soll es wieder werden, wie es war? Die Begierden der Vergangenheit, die «vor Corona» unser Leben prÀgten, provozierten eine von Beschleunigung und Gier geprÀgt Lebenswelt. Jedes Gut, jede Tat sollte von Mal zu Mal anders, besser, blitzender, kreativer sein. Jede Branche, so auch alle Felder der Gastlichkeit, litt unter dem permanenten Innovationsdruck. Noch mehr Bergbahnen. Noch grössere Saunalandschaften. Noch mehr Events. Noch mehr Sterne. Noch mehr Schnaps. War, ist das noch Gastfreundschaft?

Der österreichische Nobelskiort Ischgl ist ein Symbol fĂŒr diesen gastronomischen Grössenwahn. Und genau dort, in hitzigen Discos, am Fuss bezwungener und beherrschter Alpen, in den Hinterhöfen von Spitzenrestaurants, wurde der Albtraum Corona wahr. Massentourismus, alkoholschwangere Veranstaltungen, Essen und GĂ€ste aus allen Regionen des Planete verbreiteten das Virus in ganz Europa. Exzessive Gastlichkeit fĂŒr die Massen ist auf unabsehbare Zeit Geschichte. Das wird auch nach der Pandemie so bleiben. Keine Impfung wird die Angst besiegen.

Und jetzt? Die Gastlichkeit braucht neue Konzepte. Die stĂ€ndige Suche nach verschiedenen RauschzustĂ€nden wird immer weniger GĂ€ste anlocken. Gewiss bleiben der Drang nach Sex, die Gier nach Adrenalin, das Verlangen nach Ekstase Treiber des Menschseins, aber andere LebensqualitĂ€ten kommen hinzu. Gesundheit, Ruhe, die Flucht vor ĂŒberhitzten StĂ€dten und Vertrauen sind das Gegenmodell zur touristischen Hyperparty.

WĂ€hrend der letzten Jahre dominierten sehr kurze und kostspielige Aufenthalte voller Erleben. Wenige, aber superaktive Tage in den Bergen oder in PartystĂ€dten wie Barcelona oder Amsterdam schienen zu genĂŒgen. Das Bad in der Menge war Teil des Konzepts. Diejenigen, die das nicht wollten, wollen es jetzt noch weniger. Andere widerwillige MitlĂ€ufer (respektive MitsĂ€ufer) werden ebenfalls zu Hause bleiben. Jetzt gilt es, ĂŒber lĂ€ngere Auslastungszeiten und Nebensaisons nachzudenken, ĂŒber GĂ€ste, die im Urlaubsort arbeiten, also dort auch wohnen und an der Gemeinschaft partizipieren wollen, ĂŒber Familien, die Ruhe abseits von Beruf und Digitalisierung suchen, und ĂŒber jene stetig grösser werdende Gruppe, die aktiv nachhaltige Konzepte einfordert.

Ökologische und soziale Nachhaltigkeit sind lĂ€ngst keine Randthemen mehr. GĂ€ste, die gesundes, lokales, saisonales Essen verlangen, sind so ernst zu nehmen wie Allergiker, Menschen mit UnvertrĂ€glichkeiten oder einst Nichtraucher. Auch die Verwendung von weniger giftigen, biologisch abbaubaren Putz- oder Waschmitteln (fĂŒr die BettwĂ€sche), die Vermeidung von MĂŒll oder sparsame Energie- und MobilitĂ€tskonzepte werden in naher Zukunft gefragt sein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Buchungs- und Bewertungsplattformen grĂŒne Punkte vergeben. Nachhaltigkeit wird das QualitĂ€tskriterium der Zukunft. Daran fĂŒhrt kein Weg vorbei. Nachhaltigkeit wird demnĂ€chst auch von Gesetzgebern eingefordert werden. Ursula von der Leyens «Green Deal» ist ein Vorgeschmack. Ob sich ein Gastlichkeitsbetrieb fĂŒr oder gegen Nachhaltigkeit entscheidet, ist auch eine Frage des kĂŒnftigen wirtschaftlichen Überlebens.

Ein Beispiel: WĂ€hrend des Lockdowns ĂŒberdachten wir das Konzept des FrĂŒhstĂŒcksbuffets – eines Auswuchses der Gier. Die GĂ€ste lieben den paradiesischen Anblick der ÜberfĂŒlle. Gastronomen glauben an das MĂ€rchen, mit Buffets Kosten sparen zu können. Personalkosten sind bekanntlich das Schlimmste, Menschen fĂŒr ihre Arbeit zu entlöhnen, gilt als GrundĂŒbel unserer Zeit. In Wahrheit wird bei Buffets so viel Essen weggeworfen, dass die verschwendeten Kosten die Einstellung von mehr Personal erlaubten. Zudem verbraucht der Gast bei FrĂŒhstĂŒcksbuffets durchschnittlich vier komplette Gedecke, die weggerĂ€umt und gereinigt werden mĂŒssen.

FĂŒr das Hotel Loisium in Niederösterreich entwickelten wir ein serviertes FrĂŒhstĂŒck ohne Verzichtsverdacht. Der begehrte Anblick der FĂŒlle wurde durch ein gestaltetes Arrangement aus Obst und GemĂŒse ersetzt. Ein Hingucker. Das reicht. Das Personal serviert sorgfĂ€ltig angerichtete SpezialitĂ€ten aus der Region. Der Wert des Essens steigt. Und WertschĂ€tzung mindert die Bereitschaft zur Verschwendung oder zur Vernichtung. Es funktioniert: Gastronomie kann viel erreichen.



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